Ein spätes Wiedersehen nach über 80 Jahren

von Stephan Rodtmann

in den 1980 er Jahren lud Bürgermeister Alfons Müller die aus Wesseling vertriebenen jüdischen Mitbürger ein, ihre alte Heimat wieder zu sehen. Viele folgten dem Ruf und es wurden neue Freundschaften geknüpft und manche Ressentiments vergessen.

Paul S., bei der Vertreibung noch ein Dötzchen im Kinderwagen, hatte es mit seiner Mutter Martha und dem Großvater nach New York verschlagen. Dort wuchs er „amerikanisch“ auf und es war ihm untersagt Deutsch zu lernen. Doch der Großvater hielt sich nicht so recht an die Maxime und brachte seinem Enkel Paul echtes Wesselinger Platt bei und weckte schon früh die Neugier auf das Rheinland und Wesseling.

Als Erwachsener besuchte der nun erfolgreiche und weltgewandte Geschäftsmann dann endlich Wesseling und fand viele Freunde, genoss den Karneval und war nicht zuletzt dank Kölsch-Kenntnissen rasch integriert, besonders der Karneval hatte es ihm angetan (Blut ist eben dicker als Wasser). Seine Mutter – inzwischen hochbetagt – war nicht sonderlich begeistert von diesem „Zug“ nach Wesseling. Jahr um Jahr kam Paul nun nach Wesseling, brachte auch Frau und Stieftochter mit. Die schöne Stieftochter fand sich eines „Wieverfastelovends“ nach stundenlangem Tanzen und Feiern in „Der Kulisse“ erschöpft und glücklich  am Boden sitzend wieder und wiederholte immer wieder: „This is the best day of my life.“

Nach langem Drängen der ganzen Familie gab Martha irgendwann nach und ließ sich über den großen Teich nach Wesseling expedieren – mit vielen, verständlichen Vorbehalten. Die hielten sich aber nicht lange, denn ein umfangreiches Begrüßungsprogramm hielt sie in Atem und weckte langsam doch wieder ihre alte Verbundenheit zum Rhein.

Eines Tages schlug mein Vater vor doch mal den „Haase Christoph“ zu besuchen, der alle und jeden kannte, eben ein echtes Urgestein. Martha ließ sich nicht lange bitten. Sie klingelte selbst an der Tür, nach einer Weile wurde göffnet und vor ihr stand ihre Sitznachbarin aus der Grundschule, die sie seit über 80 Jahren nicht gesehen hatte – beide Frauen erkannten sich sofort und fielen sich in die Arme.

Versöhnung und Frieden ist Generationen übergreifend eben doch möglich. Vielleicht hilft die rheinische Mentalität da schon ein wenig. Wir sollten sie uns erhalten und auch weitergeben.

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