Ein denkwürdiger Tag – Studenten feiern im Roten Salon oder wie Bonn Hauptstadt wurde

von Helmut Bunk

Bevor Wesseling zu meiner zweiten Heimat wurde, studierte ich 1947 bis 1949 an der Pädagogischen Akademie Bonn, um dort meine erste Lehramtsprüfung abzulegen. Zu Beginn dieses Studiums ahnte ich nicht, welche ereignisreichen Jahre mir in der späteren Bundeshauptstadt bevorstanden, und dass ich einmal Zeitzeuge eines sehr bedeutenden historischen Geschehens sein würde.

Ich gehörte zu den wenigen Studenten, die das Privileg besaßen, in der Akademie wohnen zu dürfen. Nach einem persönlichen Vorstellungsgespräch beim Akademiedirektor und mit Hilfe einiger Referenzen war es mir gelungen, eines der kleinen Studentenzimmer im oberen Stockwerk des Hauses zu belegen. Nach dem verheerenden  Krieg und den ersten entbehrungsreichen Nachkriegsjahren glaubten wir Studenten, uns nun der lange ersehnten studentischen Freiheit hingeben zu können.

Doch im Laufe des Studiums überraschte uns die Nachricht, dass der neu gebildete „Parlamentarische Rat“ unsere Akademie als Sitzungsgebäude erwählen wolle. Wir ahnten nichts Gutes. Parlamentarier und Studenten unter einem Dach? Würde das nicht den Vorlesungsbetrieb beeinträchtigen und sich nachteilig auf unser angestrebtes Examen auswirken? Und durften wir dann überhaupt hier wohnen bleiben?

Die Nachricht wurde bald zur Gewissheit. Wenige Tage nach der Konstituierung des Parlamentarischen Rates, die am 1. September 1948 im Museum Koenig erfolgte, nahm dieser in unserem Hause seine Sitzungen auf. Sitzungssaal war  die Aula unserer Akademie, die uns von diesem Zeitpunkt an nur noch eingeschränkt zur Verfügung stand.

Zunächst aber wurden unserer unguten Gefühle von vielerlei  Eindrücken und Erlebnissen überdeckt. Von einem Tag zum anderen waren wir Studenten, die wir in der Akademie wohnten, Zeugen eines hochpolitischen Geschehens geworden:  Der Entstehung des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland. Wir Kommilitonen,  die wir hier im Sitzungsgebäude des Rates zu Hause waren, entdeckten als „Insider“ bald ungeahnte Möglichkeiten. Wir fanden Zugang zum Sitzungssaal und nutzten jede Gelegenheit, Sitzungen des Rates mitzuerleben.

Manche Diskussion der Parlamentarier, manche harte Auseinandersetzung und manches ironische oder fröhliche Wortgefecht in den Sitzungen sind mir bis heute in Erinnerung geblieben. Hin und wieder kam es sogar zu tumultartigen Szenen und fast tätlichen Auseinandersetzungen, etwa, wenn die KPD-Abgeordneten Reimann und Renner sich gegen den Vorwurf wehrten „von Moskau ferngesteuert“ zu werden.

Das alles erlebten wir hautnah und in der häufigen Begegnung mit hochrangigen Politikern wie Dr.Konrad Adenauer, Professor Theodor Heuss, Dr.Kurt Schumacher, Professor Carlo Schmidt, um nur wenige führende Persönlichkeiten zu nennen. Wir begegneten ihnen im wahrsten Sinne des Wortes auf Schritt und Tritt, vor und nach den Sitzungen, wenn sie ihre Arbeits- oder Aufenthaltsräume aussuchten, z.B. den „Roten Salon“, einen unserer ehemaligen Seminarräume, der entsprechend hergerichtet und mit roten Vorhängen ausgestattet worden war.

In diesem Salon durften wir armen Studenten, wenn die Parlamentarier  zum Wochenende das Haus verlassen hatten und uns der Hausmeister gnädig gestimmt war, schon einmal feiern. Nachdem wir von unseren zusammengelegten Groschen eine Flasche Rotwein erstanden hatten und etwas in Stimmung gekommen waren, hielten wir mit entsprechend verteilten Rollen eine „Ratssitzung“ ab. Da konnte dann jeder seine Imitationskünste beweisen. Doch bevor der Höhepunkt erreicht war, mahnte der Hausverwalter  zum Aufbruch.

Natürlich durfte der Akademiedirektor nichts von unseren „Sitzungen“ erfahren. Leider war das dann doch bald der Fall und jemand berichtete von unserem „schändlichen“  Verhalten. Der Vorsitzende unseres Studentenausschusses hatte danach Mühe, Strafmaßnahmen des Direktors abzuwenden. Zu allem Überfluss hatte auch noch die Presse von dem Geschehen Wind bekommen, und wir lasen zwei Tage später in einer Zeitung die Schlagzeile: „STUDENTEN FEIERTEN IM ROTEN SALON.“

Inzwischen rückte der Zeitpunkt unseres Examens näher. Da traf uns eines Tages die Mitteilung, für den Parlamentarischen Rat würden mehr Räume benötigt, du die hier wohnenden Studenten müssten das Haus räumen. (Es gingen auch schon Gerüchte um, Bonn solle die provisorische Hauptstadt der künftigen Bundesrepublik Deutschland werden). Das bedeutete für uns, währende der Vorbereitungen auf das Examen in Bonn eine Studentenwohnung suchen zu müssen, in der vom Krieg hart getroffenen Stadt ein aussichtsloses Unterfangen.

In unserer Notlage beschlossen wir, um unsere Räume in der  Akademie zu kämpfen. Nach einigen erfolglosen Bemühungen gelang es uns, mit dem ehemaligen Chef der Düsseldorfer Staatskanzlei, Dr.Wandersleb, der von Dr.Adenauer inzwischen zum Leiter des „Büro Bundeshauptstadt“ berufen worden war, Verhandlungen aufzunehmen. Wir erzielten einen Teilerfolg: Die drohende Sofortausweisung wurde ausgesetzt bis zu dem Tag, an dem über die künftige Bundeshauptstadt entschieden werden sollte.

Dieser denkwürdige Tag war der 10. Mai 1949. Zwar erkannten wir seine historische Bedeutung, doch er erschien uns mehr als persönlicher Schicksalstag. Wer wollte es uns betroffenen Studenten verdenken, dass wir uns im Gegensatz zu Dr. Adenauer  wünschten, Bonn würde nicht zur Bundeshauptstadt gewählt.

So fieberten wir dem entscheidenden Termin entgegen, zumal die Belastungen im Hause während der letzten Monate unseres Studiums immer größer wurden. Mehrere Räume, darunter Musikräume und eine Hörsaal, wurden umgebaut. Scharenweise kamen Handwerker ins Haus. Presslufthämmer dröhnten. Wir verstopften uns die Ohren und versuchten zu „pauken“.

Am 10. Mai 1949 wurde nach heftiger Diskussionen und Spekulationen darüber abgestimmt, ob Frankfurt oder Bonn Bundeshauptstadt werden sollte. Zwischen CDU/CSU und SPD gab es in der Frage unüberbrückbare Gegensätze. Wir verfolgten die Abstimmung mit größter Spannung. Die Auszählung der Stimmen stürzte uns in ein Wechselbad der Gefühle. Nachdem es am Morgen noch geheißen hatte, es gäbe eine Stimmenmehrheit für Frankfurt, wechselten bei der Auszählung mehrfach Bonn und Frankfurt ab.

Als schließlich das Ergebnis bekannt gegeben wurde, waren unsere Hoffnungen dahin: 33 Stimmen für Bonn, 29 für Frankfurt. Ich konnte meine Enttäuschung nicht verbergen, verließ schleunigst den Sitzungssaal und lief nach draußen. In diesem Augenblick stoppte auf der Görresstraße vor dem Gebäude unserer Hochschule ein Motorradfahrer, der einen Packen Zeitungsblätter aus einer an der Maschine angebrachten Tasche riss. Ich war wohl der Erste, der für zehn Pfennig ein Blatt erwarb. Es war ein Extrablatt der Kölnischen Rundschau. Auf der Titelseite prangte die Schlagzeile:

„BONN ZUM BUNDESSITZ GEWÄHLT“, darunter ein Bild unserer Akademie.

Als hätte es für die Zeitung nie einen Zweifel daran gegeben, dass wir im künftigen Bundeshaus wohnten – wahrhaft, ein denkwürdiger Tag!

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