1943 in Wesseling

von Anni Lintermann, geb. Heeg

Während des 2. Weltkrieges, im Jahre 1943, haben meine Eltern einem Soldaten eine Schlafstätte geboten. Wieso und warum sie dies taten, weiß ich nicht, denn das Kinderzimmer war wirklich nicht komfortabel:  Nicht beheizbar, keine Waschgelegenheit, von einem eigenen WC ganz zu schweigen!

Ich glaube, es gab als Anerkennung ein kleines Zubrot; mein Vater war zu dem Zeitpunkt gerade erst mit fehlendem linken Unterarm aus dem Lazarett entlassen worden.

Und dieser Soldat war anfangs für meine Mutter ein „Scheusal“. Er kam aus der Nähe von Dinkelsbühl, war Bauer (mit Leib und Seele), eine Lebensmittelknappheit kannte er wohl nicht, denn seine Ehefrau schickte ihm an seine neue Adresse „Fresspakete“: Selbstgebackenes Brot, Schinken und Speck sollen darin gewesen sein. Er saß dann am Küchentisch und vesperte so vor sich hin …

Mein Bruder, damals circa 7 Jahre alt, stand in Sichtweite und ihm lief wohl das Wasser im Munde zusammen. Der Mann hatte einfach keine Ahnung davon, welche Ration einer 5 köpfigen Familie zur Verfügung stand.

Dann geschah ein Wunder. Eines Tages bekam meine Familie ein Paket aus Bayern, nur für uns ganz allein. Darin war all das, was man zum Beispiel für eine leckere Erbsensuppe benötigt! Ich kann mich gut daran erinnern, dass meine Mama auch von einem Buttercrèmekuchen sprach…

Im Sommer 1943 dann bekamen wir von der Bäuerin eine Einladung, die Ferien, mein Bruder war bereits in der Schule, bei ihr in Ruhe und Sicherheit zu verbringen. In dieser Zeit durfte man sich in der Umgebung wirklich noch sicher fühlen; Würzburg, Nürnberg und München waren weit weg. „Unser“ Soldat war noch irgendwo im Einsatz, und in der kleinen Landwirtschaft arbeiteten die Schwiegereltern der Bäuerin, sie selbst und noch zwei polnische Zwangsarbeiter. Da meine Mutter von einem ehemaligen Bauernhof (Godorf) kam, immer schon gut zupacken konnte, „verdiente“ sie quasi unseren Aufenthalt dort. Auch die Großmutter auf dem Hof war von der Leistung dieser „Stadtfrau“ angetan.

Seit diesem Kennenlernen riss die Verbindung nie ab. Als Familie mit geregeltem Urlaub und Schulferien gingen die Reisen meist vom Rhein an die Wörnitz und nicht umgekehrt. Nur zweimal war „unser“ Soldat mit seiner lieben Frau in Wesseling und das in nasskalten Wintermonaten.

Für mich war dieser kleine Bauernhof stets meine zweite Heimat. Heute noch habe ich zur Tochter, geboren 1946, eine freundschaftliche Verbindung.

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