Eine ungehaltene Rede

Zur Verleihung des Leistungsoskars für sein Lebenswerk hatte Herr Direktor a.D. Thiemermann diese herrliche Rede vorbereitet aber aus lauter Bescheidenheit leider nicht gehalten, weil es bei der Verleihung ja schon so spät geworden war…

Als ehemaliger Schüler kann ich ihm das aber nicht durgehen lassen.

Der Herausgeber

Sehr geehrter Herr Dr. Rüttgers, sehr geehrter Herr Lierz, lieber Herr Rodtmann! Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Vergessen und vergessen werden! –

Wer lange lebt auf Erden,

der hat wohl diese beiden

zu lernen und zu leiden!“

So hat es Theodor Storm auf seine alten Tage in seinem Notizbuch festgehalten. Und er hat ja recht: Man schiebt seinen Einkaufswagen durch einen Supermarkt, sieht plötzlich und unerwartet ein bekanntes Gesicht, denkt: „Der war doch viele Jahre ein überaus aktiver und hilfreicher Mitarbeiter in Deiner Schulpflegschaft, aber wie heißt er denn gleich? Mit H fing der Name an, das ist noch da, aber sonst ist alles weg. Peinlich. Und mit ein paar albernen Phrasen segelt man um die bittere Tatsache herum, dass das Gedächtnis den Namen nicht mehr hergibt.

Und: Vergessen werden: Auch das gehört zum Älterwerden: Wenn man mit der Pensionierung oder nach einer politischen Veränderung das bisherige Aufgabenfeld verlässt, dann wird das Amt, das vielleicht über Jahrzehnte Lebensinhalt und Lebensaufgabe war, recht schnell neu besetzt, ein anderer tritt an die eigene Stelle, jeder ist ersetzbar, und die Erinnerung an Getanes und Geleistetes verblasst allmählich.

Als ich einige Wochen nach meiner Pensionierung noch einmal im Gymnasium war, ohne meinen alten Generalschlüssel natürlich, und an die Tür zum Lehrerzimmer klopfte, erschien eine junge Lehrerin, die ich nicht kannte, und fragte: „Womit kann ich Ihnen helfen?“ Nach 26 Dienstjahren an dieser Schule ein Fremder – eine schmerzhafte Erfahrung.

Aber die Storm´sche Lebensweisheit stimmt ja zum Glück nicht immer.Die Bürgerstiftung Wesseling hat meine Tätigkeit als Gründungsdirektor des Wesselinger Gymnasiums und vielleicht auch meine Tätigkeit als Lehrer und Erzieher zum Anlass genommen, mir am heutigen Abend den Leistungsoskar für – wie es in der Sprache der Stiftung heißt – mein „Lebenswerk“ zu verleihen.

Dieses „Lebenswerk“ liegt ja nun schon lange zurück: 1969 habe ich mit 35 Jahren die Leitung der Schule, die damals nur aus drei Klassen von Zehnjährigen bestand, übernommen, 1995 habe ich nach 26 Jahren Schulleitertätigkeit dieses Amt, das mir zum Lebensinhalt geworden war, als Ruheständler verlassen. Nun bin ich schon 17 Jahre pensioniert und – da ich nicht in Wesseling wohne – ganz natürlich von vielen inzwischen vergessen worden. Aber die Bürgerstiftung Wesseling hat mich nun sozusagen aus dem Dunst der Vergangenheit wieder hervorgeholt und mir mit dem Leistungsoskar für meine Lebensarbeit eine Auszeichnung verliehen, die mich ehrt und mich denen danken lässt, die mich für diese Auszeichnung vorgeschlagen haben.

Aber: Das Lebenswerkeines Bildhauers, eines Malers, eines Schriftstellers oder eines Regisseurs hat sich ja von der Person seines Schöpfers abgelöst, ist Objekt geworden und kann als Skulptur, als Gemälde, als Roman oder als Film betrachtet, analysiert und bewundert werden. Ganz anders bei der Lebensarbeit eines Lehrers und Schulmeisters: Es sind ja immer einzelne Schüler, in deren subjektiverErinnerung ein Lehrer, ein Erzieher, ein Schulleiter fortlebt, in deren Gedächtnis sich ein aufmunterndes, motivierendes, den Lebensweg vielleicht sogar bestimmendes Wort oder eine prägende Grundhaltung für immer eingebrannt haben. Und auch umgekehrt: Eine verächtliche, herabsetzende Bemerkung, eine Ironie, die tief verletzt hat, ein vorschnelles Werturteil, das aus der engen Sicht des eigenen Faches entstand und leichtfertig auf die ganze sich noch entwickelnde Persönlichkeit des Schülers übertragen wird, kann lebenslang nachgetragen und mit Hass auf den Lehrer und auf die Schule insgesamt beantwortet werden.

Dass es am Wesselinger Gymnasium Schüler gegeben hat, deren Erinnerung an meine Person bis heute offenbar positiv nachwirkt, die jetzt noch, da sie lange erwachsen sind, in Berufsverantwortung stehen und vielleicht auch selbst als Mütter und Väter eigene Kinder erziehen, das Gefühl haben, in einer für sie und ihren Lebensweg förderlichen Weise in der Schule und von ihren Lehrern geprägt worden zu sein, erfüllt mich mit großer Freude und mit tiefer Dankbarkeit.

1995, bei der feierlichen Verabschiedung aus meinem Amt, habe ich in meiner Abschiedsrede, auf meine Lehrertätigkeit zurück blickend, gesagt:

In vielen tausend Unterrichtsstunden,

für die ich immer Zeit gefunden,

hab ich humorvoll, unbeschwert

den Jugendlichen gern erklärt

der Sprache Klang, des Glaubens Kraft

und was dem Menschen Heil verschafft.

Was ferner Zeit vor Tag und Jahr

im Leben groß und wichtig war,

was Menschen Sinn und Halt gewesen,

das haben sorgsam wir gelesen

und dabei oft in unsern Stunden

im alten Text uns selbst gefunden,

des eigenen Lebens Glück und Leid

im Spiegel der Vergangenheit.

In Dichtung und in Religion

hab ich der nächsten Generation,

was selber leblang mich beschäftigt,

gelehrt, gedeutet und bekräftigt.

Indem ich lehrte, lernte ich,

gewann ich Einsicht erst für mich;

indem ich gab, hab ich genommen,

viel Freundlichkeit zurückbekommen,

Zuneigung auch und Herzlichkeit.

So schau in großer Dankbarkeit

ich heut zurück auf manches Jahr,

in dem ich glücklich Lehrer war.

Ich danke meinen ehemaligen Schülern, in deren Erinnerung ich lebendig geblieben bin und die mich für die Auszeichnung durch die Bürgerstiftung Wesseling vorgeschlagen haben, und ich danke der Stiftung und ihrem Vorstand, dass sie dieser Anregung gefolgt sind und mich so aus dem Nebel der Storm´schen Vergessenheit herausgeholt und mich heute auf dieses öffentliche Podest gestellt haben.

Ich wünsche meiner „alten Schule“ eine positive, pädagogisch sinnvolle, in die Zukunft weisende Entwicklung und ihren Schülerinnen und Schülern kluge, engagierte und verständnisvolle Lehrer

Ich danke der Wesselinger Bürgerstiftung für die unerwartete Auszeichnung.

.

Franz-Josef Thiemermann

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