Ein Lichtblick in dunkler Zeit


von Anni Lintermann geb. Heeg

Gegen Endes des 2. Weltkrieges, um die Jahreswende 1944/45, durften im Keller (Luftschutzraum) eines Laborgebäudes der CFW – Chemische Fabrik Wesseling, heute Evonik – Werksangehörige, sofern es noch solche gab, Bewohner der Brühler Straße, vorwiegend Frauen und Kinder, gelegentlich auch Rheinschiffer, Schutz suchen. In einer provisorisch eingerichteten Küche wurde die Verpflegung von Allen für Alle organisiert.

Die Ehefrau eines holländischen Rheinschiffers stand vor der Geburt ihres ersten Kindes. Trotz der Gefahr plötzlicher Bombenangriffe wegen der Nähe des Godorfer Hafens, ging Frau Braun als erfahrene, resolute Hebamme auf’s Schiff. Nach der glücklichen Entbindung forderte die Hebamme den Vater, der auch der Kapitän des Schiffes war, auf, Mutter und Kind an Land zu bringen, weil sie die Nachsorge ansonsten nicht übernehmen wolle.

Die kleine holländische Familie wurde in die Notgemeinschaft aufgenommen; die Hartnäckigkeit der Hebamme war ihr großes Glück, denn ihr Schiff sank kurz danach durch einen Volltreffer. Alles Notwendige für das Baby war an Bord geblieben. Es zeigte sich spontan Hilfsbereitschaft der „Mütter“. So wurden gern ein Wäschekorb als Bettchen und Wäsche von den eigenen Kindern abgegeben.

Und dann stand irgendwann ein amerikanischer Soldat im Raum, zum eigenen Schutz mit MG im Anschlag…

Man mag sich ausdenken, dass die Geretteten nun zu Rettern wurden.

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Integration


von Helmut Bunk

Anfang der 1970er Jahre erfolgte in Wesseling-Keldenich nach einer Elternabstimmung die Einrichtung einer Gemeinschaftsgrundschule, die auch von türkischen Kindern besucht wurde. Die Lehrerinnen und Lehrer bemühten sich sehr, diese Schülerinnen und Schüler vor allem durch Sprachförderung in die Schulgemeinschaft zu integrieren. Da der Schule auch ein Schulkindergarten angeschlossen war, bot sich zudem die Möglichkeit, Kinder für ein Jahr zurückzustellen und sie in dieser Einrichtung bis zur Schulreife zu fördern. Etwa vier Wochen nach der Einschulung war es üblich, diejenigen Kinder des ersten Schuljahres zu beobachten und zu testen, für die eine Zurückstellung vom Schulbesuch und eine Aufnahme in den Schulkindergarten in Betracht kam. Zu diesem Zweck besuchte der Schulleiter zusammen mit der Leiterin des Schulkindergartens die Schulanfänger im Unterricht.

Dem Unterrichtsbesuch war ein Gespräch mit der Klassenlehrerin vorausgegangen. Frau G. berichtete, dass ein türkisches Mädchen sich bisher mündlich noch gar nicht am Unterricht beteiligt hatte. Aus diesem Grunde setzte sich die Leiterin des Schulkindergartens neben S. an den Schultisch, während die Klassenlehrerin „Arbeitsblätter“ an die Schulneulinge verteilte. Auf diesen waren bekannte Dinge abgebildet. Unter jedem Bild stand der Anfangsbuchstabe des betreffenden Gegenstandes. Frau G. hielt eines der Blätter hoch, zeigte auf eine Kirsche und forderte die Schülerinnen und Schüler auf: „Zeigt einmal dieses  Bild auf Eurem Blatt! Wer weiß denn, was hier abgebildet ist?“

Mehrere Kinder meldeten sich, um zu antworten. Frau G. zögerte jedoch ein Kind aufzurufen, da die Leiterin des Schulkindergartens versuchte, S. zu helfen. Sie flüsterte dem kleinen türkischen Mädchen zu: „Das ist eine Kirsche.“

Völlig überraschend antwortete die sechsjährige Türkin: „Weiß ich doch!“ Die Leiterin des Schulkindergartens sagte erstaunt: „Ich denke, du kannst nicht Deutsch sprechen?“ Darauf die Erstklässlerin: „Ach Quatsch! Ich wollte die Lehrerin doch nur verarschen.“

Am Ende der Unterrichtsstunde forderte Frau G. die Kinder auf, sich in zwei Gruppen aufzustellen. Die deutschen Schülerinnen und Schüler solltem mit Frau G. in ihren gewohnten Klassenraum gehen, die türkischen Kinder mit einer türkischen Lehrerin zum muttersprachlichen Unterricht in einen dafür vorgesehenen Gruppenraum. Die Schulneulinge folgter der Aufforderung, und bald leerte sich der Klassenraum. Nur ein blondes Mädchen blieb unschlüssig in der Mitte der Schulstube stehen. Schließich ging es schüchtern auf die Klassenlehrerin zu und fragte verlegen: „Frau G., bin ich türkisch?“

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Mord im Schatten des Wesselinger Doms


aufgezeichnet von Stephan Rodtmann

In den besten aller Zeiten kam es im Schatten des Wesselinger Doms, St.Germanus zu einem tödlichen Vorfall.

Dort, in exquisiter Villenlage, lebte in einem Zwinger ein reißender deutscher Schäferhund, der als Polizei- und Schutzhund aussortiert worden war – zu gefährlich, zu scharf, zu wild. Die Zwingerwände waren hoch und unüberwindbar. Aber nicht für Wotan.

Eines sonntags, gerade war die heilige Messe in St.Germanus zuende, füllte sich der Rheinpark mit Spaziergängern, Familien, Kirchgängern. Ein friedlicher Sonntagmorgen, wäre da nicht Wotan gewesen. Nach jahrelangem Training war es ihm endlich gelungen auszubrechen. Das aufreizende Kläffen eines kleinen, vermeindlich freien Hündchens hatte ihm den Rest gegeben. Mit einer artistischen Aktion war er ausgebrochen und voller Adrenalin und elastischen Schrittes scannte er den Park. Da war er,  ein kleiner Fiffi an der Leine, leichte Beute für einen ausgebildeten Polizeihund. Grollend stürzte er auf den schmächtigen Rivalen zu. Doch Frauchen – Typ gut situierte, stattliche Frau – riss geistesgegenwärtig das Hündchen hoch und ließ es der Not gehorchend angeleint über dem Kopf kreisen. Ein seltener Soundeffekt erfüllte den Park – ein jaulender Kleinhund auf Rotationskurs.

Wotan setzte sich geduldig unter die Kreisbahn, wartete gelassen ab und happ. Es herrschte wieder Ruhe im Rheinpark , besser gesagt Totenstille.

Der Anschlag hatte Folgen, das Hündchen aber auch Wotan wurden nie mehr gesehen.

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Mit dem Glockenschlag


von Helmut Bunk

Als junger Lehrer mit einem äußerst geringen Monatsgehalt versuchte ich anfangs der 50er Jahre mein Einkommen als freier Mitarbeiter der Kölnischen Rundschau etwas aufzubessern. So war ich im Dezember 1951 auf der Suche nach einer ansprechenden Weihnachts-Reportage.

Mir fiel ein, dass die evangelische Kreuzkirche in Wesseling zum Weihnachtsfest 1950 vier große, neue Glocken erhalten hatte. Ein Jahr lang begleitete somit ihr Klang das Leben in unserer Gemeinde. Lohnte es sich nicht, dieses Geschehen einmal im Wort und die prachtvollen Glocken als Künder von Freude und Leid im Bilde festzuhalten?

Diesem mehr oder weniger glücklichen Einfall ließ ich sofort die Tat folgen. Also stieg ich in den Turm der Kirche über eine schmale Treppe zum Glockenstuhl hinauf. Dicht nebeneinander hingen hier die 1 1/2 Tonnen schweren metallenen Riesen. Jeden Tag ließen sie um die Mittagsstunde ihren ehernen Ruf ertönen. Ein elektrisches Läutwerk brachte Punkt 12 Uhr die schweren Glocken automatisch zum Schwingen. Die eisernen Tragegerüste waren zu diesem Zweck durch Kabel miteinander verbunden.

Als ich in den Glockenstuhl hineintrat, besser gesagt, mich hineinzwängte (denn für einen wissbegierigen Reporter war hier kaum Raum vorhanden), stolperte ich zunächst über ein solches am Boden liegendes Kabel. Angestrengt überlegte ich, wie ich wohl in diesem Wirrwarr von Holzbalken, Metall und Drähten den geeigneten Standort für eine Aufnahme gewinnen könne. Es war eine kaum zu lösende Aufgabe. Endlich brachte ich, zwischen zwei Glocken kauernd, meine Kamera in Anschlag. Ich drückte auf den Auslöser – vergeblich, mein Blitzgerät versagte. Nun, das konnte einmal passieren, und der Fehler durfte wohl nicht schwer zu beheben sein. Also überprüfte ich in Ruhe, wenn auch in wenig angenehmer Lage das Blitzgerät meiner Kamera. Der Fehler war nicht leicht zu entdecken. Als ich ihn endlich gefunden hatte, waren viele kostbare Minuten vergangen. In zwei Stunden wollte ich mit den Aufnahmen in der Redaktion sein, um die Reportage noch pünktlich abzuliefern. Ich sah auf die Uhr. In diesem Augenblick fuhr es mir in die Glieder als hätte ich einen elektrischen Schlag erhalten. Der große Zeiger meiner Uhr zeigte eine Minute nach Zwölf an. Mir stand der Schweiß auf der Stirn. Die Glocken hatten mit ihrem gewohnten Mittagsschlag ausgesetzt. Dieser Schlag aber hätte meinen Tod bedeuten können, denn vor der Gewalt der elektrisch in Schwung gesetzten Glocken gab es in der Lage, in der ich minutenlang verharrt hatte, kein Entrinnen. Ich wäre wohl unweigerlich zermalmt worden, da die beiden Metallriesen, zwischen denen ich kauerte, sich im Schwung bis auf wenige Zentimeter einander näherten.

Mein Gang war nicht so fest wie sonst, als ich die schmale Wendeltreppe des Turmes wieder hinunter stieg.

Die Bewohner unseres Ortes warteten an diesem Tag vergeblich auf den Ruf der Glocken. Durch einen Zufall war für ein paar Minuten der Strom unterborchen worden, der das Läutwerk in Gang setzte.

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Schule in der Nachkriegszeit – Schulspeisung auch in den Ferien


Foto: Helmut Bunk

von Helmut Bunk

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges öffneten am 6.September 1945 die Schulen wieder ihre Pforten. Alle Lehrpersonen, die den Unterricht aufnehmen wollten, bedurften der Zulassung durch die Militärregierung. In Wesseling waren dies Konrektorin Jovy, Lehrerin Marianka Schmitz, Lehrerin Maria Derenbach und Lehrer Josef Schleimer.

Die Schulgebäude in der Bahnhofstraße hatten die Wirren des Kreiges gut überstanden. Schlimmer war es mit den Inneneinrichtungen und dem Inventar. Zivilisten hatten mitgenommen, was ihnen wertvoll erschien. Bücher, Akten und anderes Inventar lagen wüst durcheinander. Die oben genannten Lehrkräfte brachten Ordnung in das Chaos und sorgten dafür, dass der Unterricht am 6. September beginnen konnte. Doch es gab keine Bücher. Die vorhandenen waren verboten, wurden eingesammelt und vernichtet.

Lehr- und Lernmittel waren äußerst knapp. Hefte und Tafeln gab es nicht zu kaufen. Auf dem „Schwarzen Markt“ kostete ein Griffel 1 Reichsmark. Gegen 200 Gramm Altpapier gab es manchmal auf dem freien Markt ein heft, doch Altpapier war selten, da nur wenige Zeitungen erschienen.

In den Monaten Mai bis September 1947 suchten die Lehrer mit den Schülern die Felder nach Kartoffelkäfern ab. Außerdem stand das Sammeln von Heilkräutern auf dem Schulprogramm.

Erfreulich und notwendig war die Einführung der „Schulspeisung“, an der sich alle Schülerinnen und Schüler beteiligten. Sie wurde auch in den Ferien durchgeführt. Es gab Suppen und Süßigkeiten (Kekse und Schokolade), über die sich die Kinder besonders freuten, da ihnen solche Dinge seit langem fremd waren. Zum Nikolaustag 1947 stiftete der Maarhof in Keldenich sechs Zentner Äpfel und Birnen für alle Schüler.

Im gleichen Jahr zog auch erstmals wieder der Martinszug durch den Ort. Zwei Musikkapellen begleiteten die singenden Kinder. Jedes Kind erhielt einen Weckmann aus weißem Mehl (zu diesem Zeitpunkt eine Rarität).

In den folgenden Jahren ging es langsam aufwärts. Raumprobleme wurden durch Schulneubauten gelöst. Neue Lehrkräfte kamen nach Abschluss ihrer Ausbildung in die Schulen.

Trotz aller Mängel, die in den ersten Nachkriegsjahren den Schulalltag prägten, erinnern sich heute noch viele ehemalige Schülerinnen und Schüler gern an die Zeit, in der Not erfinderisch machte und das Gemeinschaftsgefühl manche Notlage überwinden half.

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Gut gemeint – eine „Spiegelaffäre“


Ein Augenzeugenbericht über eine „Spiegelaffäre“ am Gymnasium Wesseling Anfang der Siebziger Jahre

Von Stephan Rodtmann

Eine dieser üblichen großen Pausen. Der Schulhof brodelt. Die Pausenaufsicht inne hat eine junge Referendarin. Inmitten des üblichen Chaos aus Fußball, Nachlaufen und Geschrei, zündeln zwei  Schüler an einer Schachtel Tafelkreide.

Nach einem eher gedämpften   „puff“  steigt eine – für die geringe Lautstärke der Explosion recht beeindruckende – weiße Wolke in typischer Pilzform  auf. Die Lausejungen hatten sogenannte Ladykracher geöffnet, das Schwarzpulver gesammelt, in die Kreideschachtel gefüllt und gezündet.

Dies geschieht in unmittelbarer Nähe der Pausenaufsicht, die heftig erschrickt. Sie stürzt panisch auf die beiden Jungs zu und brüllt: „Was macht ihr denn da?“

Schnoddrige Antwort, wörtlich: „Na was schon, Juden verbrennen“ – sicherlich unangemessen, dumm und auch würdig einer deftigen Strafe mit Nachsitzen und ganz persönlicher Aufarbeitung des Holocaust. Ein Besuch in einer Synagoge oder gar in einem Konzentrationslager wäre meines Erachtens nicht übertrieben gewesen. Jedoch…

Schock, Entsetzen,  die Referendarin rennt außer sich, schreiend und weinend ins Zentralgebäude zum Lehrerzimmer und hinterlässt die ratlosen Beobachter der Szene. Die Szene im Lehrerzimmer kann ich aus eigener Anschauung nicht beurteilen, ein damaliger Lehrer kann sich noch sehr gut daran erinnern und regt sich heute noch über die hysterische Reaktion der Kollegin auf.

Was folgt ist der größte Skandal in der Geschichte des Gymnasiums. Es kommt zu aufgeregter Berichterstattung in WDR und im Magazin „Der Spiegel“ und lokalen Medien.  Verleumdungen, Schuldzuweisungen, Hybris und heuchlerisches Gutmenschentum bestimmen die unfairen Attacken auf die Schulleitung, die ja nun gar nicht beteiligt war.

Am Gymnasium herrscht eine reformerische Atmosphäre und neueste pädagogische Errungenschaften werden umgesetzt.  Auch weit vorgreifende experimentelle Unterrichtsformen mit Einbindung von Behinderten in den Klassenverband werden erprobt. Demokratie und ein freiheitliches Menschenbild sind hohe Ideale. Das Interesse am politischen Diskurs ist ungleich höher als heute. Ich erinnere mich, dass wir Bundestagsdebatten live im Unterricht verfolgten – und das mit Interesse. Ob „Kollegschule“ oder „konstruktives Misstrauensvotum“, wir waren als Schüler politisch gut informiert und hoch motiviert.  Die gesamte Ausrichtung des recht jungen Lehrerkollegiums war deutlich links der Mitte, rechte Tendenzen waren gänzlich unbekannt und auch außerhalb des Denkbaren.  Ein christliches Menschenbild wurde noch gerade eben so  über die Zeit gerettet. Selbst mit viel Phantasie war nicht zu erkennen, dass hier rechtes Gedankengut auch nur eine geringe Chance hatte, geschweige denn  jegliche Anmutung von Antisemitismus.

Zum ersten Mal war ich Zeuge der Entstehung einer  sogenannten „Spiegelaffäre“. Ich erlebte live das Substrat einer beispiellosen Kampagne, die den von (fast) allen hoch  geschätzten Direktor Herrn Thiemermann fast die Existenz gekostet hätte.

In den Folgejahren kam es an unserer Schule zu einer schier zwanghaften Aufarbeitung des Nationalsozialismus und Faschismus.  Ich darf behaupten, dass das Wissen um die Entstehung und Verhinderung  von Diktatur und Totalitarismus am Käthe-Kollwitz-Gymnasium (sic!) überdurchschnittlich waren und wohl auch sind.

Mein Misstrauen gegenüber Medien und moderner „Propaganda“ wurden durch diese Feldstudie ebenfalls aus direkter Anschauung auf ungewollte Weise fundiert.

Die Steigerung von gefährlich ist gut gemeint.

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Joseph Schmitz ein Wesselinger Original


Foto: Helmut Bunk

Mit dem Fahrrad durch die Kontinente

Von Helmut Bunk

Als freier Mitarbeiter der Kölnischen Rundschau nahm ich mir 1952 vor, ältere Wesselinger Bürger nach besonderen Ereignissen in ihrem Leben zu befragen und diese den Lesern der Zeitung kundzutun. Bei einem Spaziergang auf der Rheinpromenade fand ich schon bald Gelegenheit dazu.

Dort saß ein bärtiger Senior auf einer Bank und schaute den vorbeiziehenden Schiffen nach. Sein Fahrrad hatte er an eine der alten Weiden gelehnt. Fast schien es mir, als hätte der 86jährige noch immer Sehnsucht nach der Ferne, und dieser Eindruck festigte sich, als ich mit ihm ins Gespräch kam. Die Ferne hatte er kennen gelernt in einem Leben, das aus einer Kette von unvergesslichen Erlebnissen und tollkühnen Aktionen bestand.

Mit dem Rad eroberte sich der junge Joseph Schmitz die Welt. Es trug ihn nach Italien, Barcelona, ja sogar nach Istanbul. Der ehemalige Gymnasiast verspürte immer wieder den Drang nach unbekannten Ländern und Abenteuern. Er sollte Theologie studieren, aber dazu reichte es nicht. Dafür ging er bald für eine Zeit lang nach Amerika. Dort fand er die Abenteuer, die er gesucht hatte. Als er ein indianisches Mädchen aus Todesgefahr rettete, in der er es schwerverwundet aus dem „Blutegel-Fluss“ zog, erkoren ihn die Indianer zu ihrem besten Freund. Sie ehrten ihn wie einen ihrer roten Häuptlinge, erzählte Joseph Schmitz.

Inzwischen aber wartete in der Heimat die Braut auf ihren Verlobten. Eines Tages kehrte er endlich zurück, um ein bürgerliches Leben zu beginnen. Aber auch diese war immer wieder geprägt  von außergewöhnlichen Erlebnissen. Sein Beruf als Prokurist, den er erst mit 85 Jahren aufgegeben hatte, füllte ihn nie ganz aus. Eine ungebändigte Lebenskraft bestimmte sein Handeln. Wenn in Wesseling ein tatkräftiger Mann gebraucht wurde, war Joseph Schmitz der Gesuchte.

Als langjähriges aktives Mitglied der Wesseling Feuerwehr übernahm er mit der Ernennung zum Brandmeister im Jahr 1912 die Leitung der Wehr, der auch im hohen Alter sein ganzes Interesse galt. Daneben verschrieb er sich dem Männergesangverein 1844, der sein Wiederaufleben in erster Linie ihm zu verdanken hatte. Joseph Schmitz war ein begeisterter Sänger und bis zum Lebensende aktives Mitglied des Vereins. Darüber hinaus gehörte er zu den Gründern der „GroWeKa“ (Große Wesselinger Karnevalsgesellschaft).

In Wesseling kannte fast jedes Kind den rüstigen Senior, der noch täglich viele Kilometer mit dem Fahrrad zurücklegte. Wenige Wochen vor unserem Gespräch hatte ihn eine seiner ausgedehnten Touren nach Koblenz geführt. Hier hatte er einst als hervorragender Schwimmer von der Moselbrücke einen tollkühnen Sprung in die Fluten gewagt. Der 86jährige schaffte die Hinfahrt in sechs Stunden.

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Do kütt de Kappesmann


 

Quelle Wikipedia

Von Helmut Bunk

Im Oktober  1950 begegnete ich Theodor Stommel, der damals in Wesseling als „der Kappesmann“ bekannt war. Er wohnte in einem kleinen Häuschen in der Mühlengasse und war gerade 73 Jahre alt geworden. Wegen seines Alters und aus familiären Gründen musste er seine bis dahin zwar harte, aber mit Freuden ausgeübte Tätigkeit aufgeben. Doch viele Wesselinger konnten es nicht fassen, dass sie zu ersten Mal auf seine Arbeit verzichten sollten, denn mehr als fünf Jahrzehnte garantierte Theodor Stommel das fachmännische Schaben und Einstampfen des Wesselinger Weißkohls. Er rettete damit ein gutes Stück alter, dörflicher Tradition in die damalige Zeit hinüber.

Als Kind schon durfte er seinem Vater den Stampfer nachtragen, wenn dieser mit seinen Gerätschaften zum Kappesschneiden loszog. Stolz war er, als er zum ersten Mal allein an die Arbeit gehen konnte, die in vielen Haushaltungen zur Herbstzeit auf ihn wartete. Und immer, wenn er in einer Familie einzog, wurde der Kappesmann von Jung und Alt freudig begrüßt. Trotz stundenlanger, schwerer Arbeit wusste er seine Umgebung dabei  in guter Stimmung zu halten. Daher war es nicht verwunderlich, dass die Kinder jedes Jahr aufs Neue bei seinem Erscheinen in den freudigen Ruf ausbrachen: „Do kütt de Kappesmann!“ Überall war er beliebt und gern gesehen. Seine humorvollen Bemerkungen und Geschichten, die er während der Arbeit zum Besten gab, machten weithin die Runde.

Der Abschied von seiner Arbeit, die ihn viel Kraft gekostet hatte, fiel ihm schwer und stimmt ihn wehmütig. Trotzdem kam noch einmal der alte Kappesmann zum Vorschein, als er in seinen Erinnerungen kramte: Mehr als drei Schiffladungen voll Kappes habe er in den 52 Jahren seiner Tätigkeit als Kappesschneider geschabt und eingestampft, erzählte er. Stolz war er auf seine Höchstleistung von 56 Zentnern Weißkohl, die er in drei Tagen für die Reederei Braunkohle verarbeitet hatte. Aber auch Mengen von 12 bis 14 Zentnern am Tag waren keine Seltenheit. Angesichts der vollbrachten Leistungen zollte ich ihm Lob und Anerkennung, doch davon wollte er nichts wissen.

Zum Zeitpunkt unserer Begegnung war Theodor Stommel in seinem Garten bei der Kartoffelernte. Er zeigte mir seinen „Landbesitz“, wobei er mit Stolz auf seine Blumenzucht hinwies. Ich machte die Bemerkung, dass dieses Grundstück sicher auch schon zu Großvaters Zeiten in der Familie vererbt worden sei. Doch da schüttelte er den Kopf, und als ich erstaunt fragte, ob er denn nicht seit jeher in Wesseling ansässig sei, verneinte er das entschieden mit der Antwort, dass er das Haus „erst seit 1895“ bewohne und nicht Wesselinger sondern Urfelder sei.

 

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Kristallnacht in Wesseling


Bericht einer Augenzeugin  vom 9.Nov.1938,  aufgezeichnet von Stephan Rodtmann

Mein Großvater hatte neben der Synagoge am Markt einen Garten, den er mit Fleiß und Freude pflegte.Als ich ein kleines  Mädchen war ging ich gern zum Opa und leistete ihm Gesellschaft. Die schwere Gartenarbeit konnte ich ihm nicht erleichtern aber wenn er Hunger bekam, ging ich in die benachbarte jüdische Metzgerei und die  ebenfalls jüdische Bäckerei  hinter der Synagoge und kaufte ein Brötchen und ein Stück Wurst. Und auch ich bekam immer ein Stück koschere Knoblauchwurst geschenkt. Die Wurst war immer so lecker, weil sie mit dem damals hier wenig gebräuchlichen Knoblauch gewürzt war. Ich habe mich immer so auf die kleine Belohnung gefreut und werde den Geschmack wohl nie vergessen.  So wurde ich groß in einem idyllischen, ruhigen, gewachsenen Stadtviertel.  Obwohl Wesseling noch so überschaubar war, gab es doch immer eine Konkurrenz zwischen Oberwesseling (Sonnenberg und Oberwesselinger Straße,  Luziastraße und „der Hött“, (die Gegend nordlich des Rheinforums mit der Nordstraße).  Im dörflichen Leben waren die Juden wie selbstverständlich integriert, man lebte ja miteinander.

Jahre später, am 9.November 1938, ich war inzwischen 14 Jahre alt,  stiegen am späten Nachmittag Rauchwolken zum Himmel.  Neugierig lief ich heimlich von zu Hause weg, um zu sehen was los war. Nie mehr werde ich vergessen, was ich damals sah:

Die Synagoge und die beiden jüdischen Geschäfte brannten. Die Metzgersleute standen in der Eingangstür. Sie versuchten sich in Sicherheit zu bringen,  konnte sich aber nicht retten, weil sie  von der Feuerwehr daran gehindert wurden.  Die Feuerwehrmänner benutzten die Schläuche wie Wasserwerfer und drängten  die Beiden immer wieder in die lodernden Flammen.

Ein junger Offizier in brauner Uniform  – wohl Angehöriger der SA – stand neben mir und sagte: „Das haben die verdient, die Juden muss man auslöschen.“ Das Metzgerpaar konnte sich schließlich irgendwie retten, was aus Ihnen geworden ist, weiß ich nicht. Darüber wurde nicht gesprochen.

Ich war schockiert und aufs Tiefste verunsichert. Tagelang konnte ich nicht aus dem Haus gehen und erkrankte mit hohem Fieber.

Meine Eltern, die streng katholisch waren, kommentierten oder erklärten das Geschehen nicht, das Thema wurde einfach totgeschwiegen. Alle Menschen waren erstarrt aus Angst vor der GESTAPO und der SA.  Unser Geschäft an der Römerstraße, unsere Existenz, war zu exponiert und als Familie war man extrem verletzlich und erpressbar.  Die Nazis führten ein Regime des gezielten Terrors und der Verunsicherung. Ein Freund der Familie, auch Geschäftsmann, wurde eines Abends von schweigsamen Nazis abgeholt und mußte der Hinrichtung eines 17 jährigen beiwohnen, der in Berzdorf aufgeknüpft wurde. Durch Bekannte wurde ihm mitgeteilt, dass er auch auf „der schwarzen Liste“ stünde. Wer konnte da an Widerstand denken?

Die Bilder von brennenden Geschäften und das jüdische Metzgers-Ehepaar in Todesangst, so  erinnere ich mich an die schreckliche Zeit des Nationalsozialismus in Wesseling. Aber auch der friedliche Garten am Markt und die geliebte Knoblauchwurst bleiben in meiner Erinnerung lebendig.

(Autorin ist dem Herausgeber bekannt)

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Der Umgang mit Afrika oder was wir von Afrika lernen können


Von Mike Herting

Schon mehrfach habe ich anklingen lassen, dass ich beim Schreiben dieser Zeilen unter anderem in Afrika unterwegs gewesen bin, genauer gesagt in Westafrika, also im Senegal, in Mali und in Mauretanien. Als Musiker, der mit Afrikanern zusammenarbeiten möchte, muss ich mir Gedanken machen, wie diese Zusammenarbeit aussehen soll, und da stosse ich ganz schnell bei mir selbst auf vorgefertigte Gefühle und Urteile, die ich aus Europa mitgebracht habe und deren ich mir genauer bewusst werden muss.

Immer noch ist es so, dass Afrikaner in der westlichen Gesellschaft nur in ganz bestimmten Grenzen als gleichwertig akzeptiert werden. Christoph Schlingensief hat dieses Verhalten auf den Punkt gebracht indem er Kennedys Ausspruch „Frag nicht , was der Staat für Dich tun kann, sondern was Du für den Staat tun kannst“ abgewandelt hat in “ Frag nicht, was Afrika  von Dir lernen kann,  sondern was Du von Afrika lernen kannst“.

Für einen Europäer ist dies zunächst ein unverständlicher und provokanter Satz. Denn unbewusst haben wir alle verinnerlicht, dass es wir sind, die die höchste Stufe der Zivilisation erreicht haben, was können wir schon von Afrika lernen?

Diese Haltung ist zumeist noch nicht einmal böse oder aggressiv gemeint und wird von Menschen vertreten, die gut und gerne für Afrika spenden. Dennoch ist sie falsch und führt nicht nur zu kulturellen Missverständnissen, sondern nimmt uns selbst eine grosse Chance, unser eigenes Leben in Frage zu stellen und Dinge darin zu verbessern.

Auf den ersten, medienverbogenen Blick scheint es auch unsinnig zu sein, von einem Kontinent zu lernen, in dem es immer noch an der Regel ist, dass man Kindern Waffen in die Hand gibt und zu Grausamkeiten treibt, in dem die Geissel der Menschheit, die Korruption, in höchster Blüte steht, in dem die Menschen nur in die Politik gehen, um sich zu bereichern, in dem in weiten Teilen Armut und Hunger herrschen. Das alles ist richtig, aber abgesehen davon, dass auch unsere Zeit der Barbarei in Deutschland noch nicht all zu lange her ist, und in Südosteuropa heftige und überaus grausame  Konflikte heute noch aufbrechen, darf es uns nicht den Blick darauf verstellen, dass Weisheit und Lebenskunst nicht nur in westlichen Grossstädten zu finden sind , dass Reichtum nicht nur durch grosse Autos und teure Parfums definiert werden kann.

Zwei Blickwinkel bestimmen die Sicht des Europäers in Hinblick auf Afrika: Da ist einmal die Notwendigkeit der Entwicklungshilfe und auf der anderen Seite das Bild des fröhlichen trommelnden Afrikaners, der ja- wie die unsägliche Gloria von Tumb und Tacheles öffentlich festgestellt hat- hauptsächlich gerne „schnackselt“.

Im allgemeinen ist die Haltung der meisten Europäer bestenfalls paternalistisch, Afrikaner werden oft wie Kinder betrachtet, denen man beibringen muss, wie das Leben so funktioniert. Überprüfen Sie sich selbst: Was fühlen Sie, wenn Sie zum Beispiel zum Arzt gehen und auf einmal einen schwarzen Mann vor sich sehen?

Dieses Beispiel ist mir vor einigen Jahren selbst passiert, als ich mir in Guinea-Bissau mitten im Dschungel eine ziemlich tiefe Kopfwunde zugezogen hatte und von hilfreichen Menschen über mehrere hundert Kilometer zu einem Arzt gebracht wurde, der natürlich ein Schwarzer war. Bis heute schäme ich mich dafür, dass ich ihn gefragt habe, wann denn der Arzt käme, ich hatte ihn automatisch für eine Hilfe gehalten. Dieser Mann antwortete kühl, er habe in Portugal Medizin studiert und behandelte mich dann so gut, dass nach meiner Heimkehr mein Hausarzt des Lobes voll über seinen Kollegen war. Vorurteile gedeihen im Verborgenen und manchmal bedarf es eines Anstosses, um sie bei sich selbst sichtbar zu machen.

Aber das ist es nicht, von dem ich meine,dass man davon lernen kann, sondern es zeigt nur die tief verinnerlichte Arroganz, die wir uns zu eigen gemacht haben. Wieder ist es die materialistische Weltsicht, die uns in die Irre führt, die uns den Zugang zu Technik mit Lebensqualität verwechseln lässt.

Was also können wir lernen? Wie wäre es mit etwas ganz Einfachem: Dem aufrechten Gang? So oft ist mir das aufgefallen, Afrikaner schreiten, mit aufrechtem Oberkörper, während wir Europäer unter Druck hetzen,schleichen, mit vornübergeneigtem Kopf unserem nächsten Termin entgegeneilen. Oder mit dieser unfassbaren Gastfreundlichkeit, die ich immer und überall erlebe und deren einzige negative Seite das Gefühl ist, dass ich als westlich geprägter Mensch derart ichbezogen bin, dass es mir schwerfallen wird, Ähnliches zu erwidern, mich hintenan zu stellen mit meiner integrierten Unruhe, ich könnte etwas verpassen, wenn ich mich dermassen ausgiebig dem Gast widme wie die Afrikaner. Und dann das Wichtigste, die dritte Forderung der französischen Revolution, die Brüderlichkeit. Freiheit und Gleichheit stehen in Afrika unter Druck, aber die Brüderlichkeit, die ich in meinem Heimatland so schmerzlich vermisse, ist allgegenwärtig und sie ist es, die das Leben in Afrika nicht nur erträglich macht, sondern die mich immer wieder überwältigt mit ihrem Glücksgefühl.

Dies alles und viel mehr sind Tugenden, die der schriftkulturfixierte Europäer erstmal wieder erkennen und lernen muss, er, der nur an Verifizierbarkeit der Ergebnisse glaubt und der den allgegenwärtigen Wundern und Unglaublichkeiten, die man in Afrika täglich erlebt, skeptisch, ja hilflos gegenüber steht. Ich wünsche mir viel mehr Neugier und Respekt im Umgang mit Afrika, mehr Lernbereitschaft und Verständnis für das Andere, das weder besser noch schlechter ist, nur eben: anders. Denn wir brauchen den Austausch mit der afrikanischen Kultur, genau so wie diese den Austausch mit der unseren braucht, daran gibt es keinen Zweifel!

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