Wenn et hustet…


von Helmut Bunk

Als ich 1949 als junger Lehrer nach Wesseling kam und meinen Schuldienst an der Arndtschule antrat, waren hier die Folgen des Zweiten Weltkrieges noch stark zu spüren. Es herrschte Lehrermangel und die Klassen hatten fast doppelt so viele Schüler, wie es heute die Regel ist. Um den Unterricht dennoch effektiv zu gestalten, wurde besonders auf strenge Disziplin geachtet.

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, bemühte ich mich in einer Klasse mit Schulneulingen, die Kinder zur Ruhe und zur aufmerksamen Mitarbeit zu bringen, indem ich versprach, ihnen eine Geschichte zu erzählen, wenn sie “mucksmäuschenstill” wären.

Die Erstklässler folgten dieser Aufforderung fast ohne Einschränkung und wagten sich nicht zu rühren. Nur ein Schüler rutschte unruhig auf seiner Bank hin und her. Als ich ihn mahnend ansah, hob er plötzlich die Hand und winkte mich zu sich heran. Ich ging zu ihm hin und wartete gespannt darauf, was er mir sagten wollte. Und dann folgte seine Erklärung: “Du, Onkel Lehrer, wenn et hustet, bin ich et, ich hab nämlich Husten!”

Einige Monate später wurde ich aus stellenplanmäßigen Gründen vorübergehend nach Witterschlick (Landkreis Bonn) an eine dreiklassige Volksschule versetzt. Hier übernahm ich ein drittes Schuljahr und erteilte unter anderem Musikunterricht. Auf dem Stundenplan stand die Einführung der “Tonleiter“. Um den Unterricht möglichst anschaulich zu gestalten, zeichnete ich zunächst einmal eine Leiter an die Tafel. Doch bevor ich noch die ersten Sprossen zeichnen konnte rief ein Schüler von den hinteren Bänken laut in die Klasse:” Herr Lehrer, die kenn ich, die steht bei Nettekovens im Hof!”

Eine ganz andere Unterrichtssituation und eine Disziplinierung von Schülern, wie sie heute kaum vorstellbar ist, hatte ich zuvor als Schulhelfer erlebt, als ich an einer Volksschule im oberbergischen Kreis hospitierte. Dort unterrichtete der Schulleiter, ein bei den Eltern durchaus angesehener älterer Hauptlehrer, Schülerinnen und Schüler des fünften und sechsten Schuljahres, die in einer Klasse zusammengefasst waren. Einer der Jungen, der als besonders renitent bekannt war, störte in einer Deutschstunde fortlaufend den Unterricht. Dem Hauptlehrer riss nach einiger Zeit der Geduldsfaden und er forderte

den Schüler auf, zu ihm nach vorne zu kommen. Als der Junge sich weigerte, ging der Schulleiter auf ihn zu. In diesem Augenblick verkroch sich der Schüler blitzschnell unter seiner Schulbank.

Ich wartete gespannt auf die Reaktion des Schulleiters und traute meinen Augen nicht, als dieser ein Taschenmesser aus seiner Hosentasche zog und aufklappte. Dann drohte er dem Jungen (was natürlich nicht ernst gemeint war): “Komm` sofort unter der Bank raus, oder ich schnigge Dir die Uhre ab!” Der widerspenstige Schüler war wohl nun doch beeindruckt und reagierte sofort: “Donn dat Metz fott, ich kummen jetzt!”

Dann kam er unter der Bank hervor, setzte sich – ohne den Lehrer aus den Augen zu

lassen – auf seinen Platz, und der Unterricht lief ohne Störung weiter.

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Ein denkwürdiger Tag – Studenten feiern im Roten Salon oder wie Bonn Hauptstadt wurde


von Helmut Bunk

Bevor Wesseling zu meiner zweiten Heimat wurde, studierte ich 1947 bis 1949 an der Pädagogischen Akademie Bonn, um dort meine erste Lehramtsprüfung abzulegen. Zu Beginn dieses Studiums ahnte ich nicht, welche ereignisreichen Jahre mir in der späteren Bundeshauptstadt bevorstanden, und dass ich einmal Zeitzeuge eines sehr bedeutenden historischen Geschehens sein würde.

Ich gehörte zu den wenigen Studenten, die das Privileg besaßen, in der Akademie wohnen zu dürfen. Nach einem persönlichen Vorstellungsgespräch beim Akademiedirektor und mit Hilfe einiger Referenzen war es mir gelungen, eines der kleinen Studentenzimmer im oberen Stockwerk des Hauses zu belegen. Nach dem verheerenden  Krieg und den ersten entbehrungsreichen Nachkriegsjahren glaubten wir Studenten, uns nun der lange ersehnten studentischen Freiheit hingeben zu können.

Doch im Laufe des Studiums überraschte uns die Nachricht, dass der neu gebildete „Parlamentarische Rat“ unsere Akademie als Sitzungsgebäude erwählen wolle. Wir ahnten nichts Gutes. Parlamentarier und Studenten unter einem Dach? Würde das nicht den Vorlesungsbetrieb beeinträchtigen und sich nachteilig auf unser angestrebtes Examen auswirken? Und durften wir dann überhaupt hier wohnen bleiben?

Die Nachricht wurde bald zur Gewissheit. Wenige Tage nach der Konstituierung des Parlamentarischen Rates, die am 1. September 1948 im Museum Koenig erfolgte, nahm dieser in unserem Hause seine Sitzungen auf. Sitzungssaal war  die Aula unserer Akademie, die uns von diesem Zeitpunkt an nur noch eingeschränkt zur Verfügung stand.

Zunächst aber wurden unserer unguten Gefühle von vielerlei  Eindrücken und Erlebnissen überdeckt. Von einem Tag zum anderen waren wir Studenten, die wir in der Akademie wohnten, Zeugen eines hochpolitischen Geschehens geworden:  Der Entstehung des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland. Wir Kommilitonen,  die wir hier im Sitzungsgebäude des Rates zu Hause waren, entdeckten als „Insider“ bald ungeahnte Möglichkeiten. Wir fanden Zugang zum Sitzungssaal und nutzten jede Gelegenheit, Sitzungen des Rates mitzuerleben.

Manche Diskussion der Parlamentarier, manche harte Auseinandersetzung und manches ironische oder fröhliche Wortgefecht in den Sitzungen sind mir bis heute in Erinnerung geblieben. Hin und wieder kam es sogar zu tumultartigen Szenen und fast tätlichen Auseinandersetzungen, etwa, wenn die KPD-Abgeordneten Reimann und Renner sich gegen den Vorwurf wehrten „von Moskau ferngesteuert“ zu werden.

Das alles erlebten wir hautnah und in der häufigen Begegnung mit hochrangigen Politikern wie Dr.Konrad Adenauer, Professor Theodor Heuss, Dr.Kurt Schumacher, Professor Carlo Schmidt, um nur wenige führende Persönlichkeiten zu nennen. Wir begegneten ihnen im wahrsten Sinne des Wortes auf Schritt und Tritt, vor und nach den Sitzungen, wenn sie ihre Arbeits- oder Aufenthaltsräume aussuchten, z.B. den „Roten Salon“, einen unserer ehemaligen Seminarräume, der entsprechend hergerichtet und mit roten Vorhängen ausgestattet worden war.

In diesem Salon durften wir armen Studenten, wenn die Parlamentarier  zum Wochenende das Haus verlassen hatten und uns der Hausmeister gnädig gestimmt war, schon einmal feiern. Nachdem wir von unseren zusammengelegten Groschen eine Flasche Rotwein erstanden hatten und etwas in Stimmung gekommen waren, hielten wir mit entsprechend verteilten Rollen eine „Ratssitzung“ ab. Da konnte dann jeder seine Imitationskünste beweisen. Doch bevor der Höhepunkt erreicht war, mahnte der Hausverwalter  zum Aufbruch.

Natürlich durfte der Akademiedirektor nichts von unseren „Sitzungen“ erfahren. Leider war das dann doch bald der Fall und jemand berichtete von unserem „schändlichen“  Verhalten. Der Vorsitzende unseres Studentenausschusses hatte danach Mühe, Strafmaßnahmen des Direktors abzuwenden. Zu allem Überfluss hatte auch noch die Presse von dem Geschehen Wind bekommen, und wir lasen zwei Tage später in einer Zeitung die Schlagzeile: „STUDENTEN FEIERTEN IM ROTEN SALON.“

Inzwischen rückte der Zeitpunkt unseres Examens näher. Da traf uns eines Tages die Mitteilung, für den Parlamentarischen Rat würden mehr Räume benötigt, du die hier wohnenden Studenten müssten das Haus räumen. (Es gingen auch schon Gerüchte um, Bonn solle die provisorische Hauptstadt der künftigen Bundesrepublik Deutschland werden). Das bedeutete für uns, währende der Vorbereitungen auf das Examen in Bonn eine Studentenwohnung suchen zu müssen, in der vom Krieg hart getroffenen Stadt ein aussichtsloses Unterfangen.

In unserer Notlage beschlossen wir, um unsere Räume in der  Akademie zu kämpfen. Nach einigen erfolglosen Bemühungen gelang es uns, mit dem ehemaligen Chef der Düsseldorfer Staatskanzlei, Dr.Wandersleb, der von Dr.Adenauer inzwischen zum Leiter des „Büro Bundeshauptstadt“ berufen worden war, Verhandlungen aufzunehmen. Wir erzielten einen Teilerfolg: Die drohende Sofortausweisung wurde ausgesetzt bis zu dem Tag, an dem über die künftige Bundeshauptstadt entschieden werden sollte.

Dieser denkwürdige Tag war der 10. Mai 1949. Zwar erkannten wir seine historische Bedeutung, doch er erschien uns mehr als persönlicher Schicksalstag. Wer wollte es uns betroffenen Studenten verdenken, dass wir uns im Gegensatz zu Dr. Adenauer  wünschten, Bonn würde nicht zur Bundeshauptstadt gewählt.

So fieberten wir dem entscheidenden Termin entgegen, zumal die Belastungen im Hause während der letzten Monate unseres Studiums immer größer wurden. Mehrere Räume, darunter Musikräume und eine Hörsaal, wurden umgebaut. Scharenweise kamen Handwerker ins Haus. Presslufthämmer dröhnten. Wir verstopften uns die Ohren und versuchten zu „pauken“.

Am 10. Mai 1949 wurde nach heftiger Diskussionen und Spekulationen darüber abgestimmt, ob Frankfurt oder Bonn Bundeshauptstadt werden sollte. Zwischen CDU/CSU und SPD gab es in der Frage unüberbrückbare Gegensätze. Wir verfolgten die Abstimmung mit größter Spannung. Die Auszählung der Stimmen stürzte uns in ein Wechselbad der Gefühle. Nachdem es am Morgen noch geheißen hatte, es gäbe eine Stimmenmehrheit für Frankfurt, wechselten bei der Auszählung mehrfach Bonn und Frankfurt ab.

Als schließlich das Ergebnis bekannt gegeben wurde, waren unsere Hoffnungen dahin: 33 Stimmen für Bonn, 29 für Frankfurt. Ich konnte meine Enttäuschung nicht verbergen, verließ schleunigst den Sitzungssaal und lief nach draußen. In diesem Augenblick stoppte auf der Görresstraße vor dem Gebäude unserer Hochschule ein Motorradfahrer, der einen Packen Zeitungsblätter aus einer an der Maschine angebrachten Tasche riss. Ich war wohl der Erste, der für zehn Pfennig ein Blatt erwarb. Es war ein Extrablatt der Kölnischen Rundschau. Auf der Titelseite prangte die Schlagzeile:

„BONN ZUM BUNDESSITZ GEWÄHLT“, darunter ein Bild unserer Akademie.

Als hätte es für die Zeitung nie einen Zweifel daran gegeben, dass wir im künftigen Bundeshaus wohnten – wahrhaft, ein denkwürdiger Tag!

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Ein spätes Wiedersehen nach über 80 Jahren


von Stephan Rodtmann

in den 1980 er Jahren lud Bürgermeister Alfons Müller die aus Wesseling vertriebenen jüdischen Mitbürger ein, ihre alte Heimat wieder zu sehen. Viele folgten dem Ruf und es wurden neue Freundschaften geknüpft und manche Ressentiments vergessen.

Paul S., bei der Vertreibung noch ein Dötzchen im Kinderwagen, hatte es mit seiner Mutter Martha und dem Großvater nach New York verschlagen. Dort wuchs er „amerikanisch“ auf und es war ihm untersagt Deutsch zu lernen. Doch der Großvater hielt sich nicht so recht an die Maxime und brachte seinem Enkel Paul echtes Wesselinger Platt bei und weckte schon früh die Neugier auf das Rheinland und Wesseling.

Als Erwachsener besuchte der nun erfolgreiche und weltgewandte Geschäftsmann dann endlich Wesseling und fand viele Freunde, genoss den Karneval und war nicht zuletzt dank Kölsch-Kenntnissen rasch integriert, besonders der Karneval hatte es ihm angetan (Blut ist eben dicker als Wasser). Seine Mutter – inzwischen hochbetagt – war nicht sonderlich begeistert von diesem „Zug“ nach Wesseling. Jahr um Jahr kam Paul nun nach Wesseling, brachte auch Frau und Stieftochter mit. Die schöne Stieftochter fand sich eines „Wieverfastelovends“ nach stundenlangem Tanzen und Feiern in „Der Kulisse“ erschöpft und glücklich  am Boden sitzend wieder und wiederholte immer wieder: „This is the best day of my life.“

Nach langem Drängen der ganzen Familie gab Martha irgendwann nach und ließ sich über den großen Teich nach Wesseling expedieren – mit vielen, verständlichen Vorbehalten. Die hielten sich aber nicht lange, denn ein umfangreiches Begrüßungsprogramm hielt sie in Atem und weckte langsam doch wieder ihre alte Verbundenheit zum Rhein.

Eines Tages schlug mein Vater vor doch mal den „Haase Christoph“ zu besuchen, der alle und jeden kannte, eben ein echtes Urgestein. Martha ließ sich nicht lange bitten. Sie klingelte selbst an der Tür, nach einer Weile wurde göffnet und vor ihr stand ihre Sitznachbarin aus der Grundschule, die sie seit über 80 Jahren nicht gesehen hatte – beide Frauen erkannten sich sofort und fielen sich in die Arme.

Versöhnung und Frieden ist Generationen übergreifend eben doch möglich. Vielleicht hilft die rheinische Mentalität da schon ein wenig. Wir sollten sie uns erhalten und auch weitergeben.

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Ein Lichtblick in dunkler Zeit


von Anni Lintermann geb. Heeg

Gegen Endes des 2. Weltkrieges, um die Jahreswende 1944/45, durften im Keller (Luftschutzraum) eines Laborgebäudes der CFW – Chemische Fabrik Wesseling, heute Evonik – Werksangehörige, sofern es noch solche gab, Bewohner der Brühler Straße, vorwiegend Frauen und Kinder, gelegentlich auch Rheinschiffer, Schutz suchen. In einer provisorisch eingerichteten Küche wurde die Verpflegung von Allen für Alle organisiert.

Die Ehefrau eines holländischen Rheinschiffers stand vor der Geburt ihres ersten Kindes. Trotz der Gefahr plötzlicher Bombenangriffe wegen der Nähe des Godorfer Hafens, ging Frau Braun als erfahrene, resolute Hebamme auf’s Schiff. Nach der glücklichen Entbindung forderte die Hebamme den Vater, der auch der Kapitän des Schiffes war, auf, Mutter und Kind an Land zu bringen, weil sie die Nachsorge ansonsten nicht übernehmen wolle.

Die kleine holländische Familie wurde in die Notgemeinschaft aufgenommen; die Hartnäckigkeit der Hebamme war ihr großes Glück, denn ihr Schiff sank kurz danach durch einen Volltreffer. Alles Notwendige für das Baby war an Bord geblieben. Es zeigte sich spontan Hilfsbereitschaft der „Mütter“. So wurden gern ein Wäschekorb als Bettchen und Wäsche von den eigenen Kindern abgegeben.

Und dann stand irgendwann ein amerikanischer Soldat im Raum, zum eigenen Schutz mit MG im Anschlag…

Man mag sich ausdenken, dass die Geretteten nun zu Rettern wurden.

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Integration


von Helmut Bunk

Anfang der 1970er Jahre erfolgte in Wesseling-Keldenich nach einer Elternabstimmung die Einrichtung einer Gemeinschaftsgrundschule, die auch von türkischen Kindern besucht wurde. Die Lehrerinnen und Lehrer bemühten sich sehr, diese Schülerinnen und Schüler vor allem durch Sprachförderung in die Schulgemeinschaft zu integrieren. Da der Schule auch ein Schulkindergarten angeschlossen war, bot sich zudem die Möglichkeit, Kinder für ein Jahr zurückzustellen und sie in dieser Einrichtung bis zur Schulreife zu fördern. Etwa vier Wochen nach der Einschulung war es üblich, diejenigen Kinder des ersten Schuljahres zu beobachten und zu testen, für die eine Zurückstellung vom Schulbesuch und eine Aufnahme in den Schulkindergarten in Betracht kam. Zu diesem Zweck besuchte der Schulleiter zusammen mit der Leiterin des Schulkindergartens die Schulanfänger im Unterricht.

Dem Unterrichtsbesuch war ein Gespräch mit der Klassenlehrerin vorausgegangen. Frau G. berichtete, dass ein türkisches Mädchen sich bisher mündlich noch gar nicht am Unterricht beteiligt hatte. Aus diesem Grunde setzte sich die Leiterin des Schulkindergartens neben S. an den Schultisch, während die Klassenlehrerin „Arbeitsblätter“ an die Schulneulinge verteilte. Auf diesen waren bekannte Dinge abgebildet. Unter jedem Bild stand der Anfangsbuchstabe des betreffenden Gegenstandes. Frau G. hielt eines der Blätter hoch, zeigte auf eine Kirsche und forderte die Schülerinnen und Schüler auf: „Zeigt einmal dieses  Bild auf Eurem Blatt! Wer weiß denn, was hier abgebildet ist?“

Mehrere Kinder meldeten sich, um zu antworten. Frau G. zögerte jedoch ein Kind aufzurufen, da die Leiterin des Schulkindergartens versuchte, S. zu helfen. Sie flüsterte dem kleinen türkischen Mädchen zu: „Das ist eine Kirsche.“

Völlig überraschend antwortete die sechsjährige Türkin: „Weiß ich doch!“ Die Leiterin des Schulkindergartens sagte erstaunt: „Ich denke, du kannst nicht Deutsch sprechen?“ Darauf die Erstklässlerin: „Ach Quatsch! Ich wollte die Lehrerin doch nur verarschen.“

Am Ende der Unterrichtsstunde forderte Frau G. die Kinder auf, sich in zwei Gruppen aufzustellen. Die deutschen Schülerinnen und Schüler solltem mit Frau G. in ihren gewohnten Klassenraum gehen, die türkischen Kinder mit einer türkischen Lehrerin zum muttersprachlichen Unterricht in einen dafür vorgesehenen Gruppenraum. Die Schulneulinge folgter der Aufforderung, und bald leerte sich der Klassenraum. Nur ein blondes Mädchen blieb unschlüssig in der Mitte der Schulstube stehen. Schließich ging es schüchtern auf die Klassenlehrerin zu und fragte verlegen: „Frau G., bin ich türkisch?“

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Mord im Schatten des Wesselinger Doms


aufgezeichnet von Stephan Rodtmann

In den besten aller Zeiten kam es im Schatten des Wesselinger Doms, St.Germanus zu einem tödlichen Vorfall.

Dort, in exquisiter Villenlage, lebte in einem Zwinger ein reißender deutscher Schäferhund, der als Polizei- und Schutzhund aussortiert worden war – zu gefährlich, zu scharf, zu wild. Die Zwingerwände waren hoch und unüberwindbar. Aber nicht für Wotan.

Eines sonntags, gerade war die heilige Messe in St.Germanus zuende, füllte sich der Rheinpark mit Spaziergängern, Familien, Kirchgängern. Ein friedlicher Sonntagmorgen, wäre da nicht Wotan gewesen. Nach jahrelangem Training war es ihm endlich gelungen auszubrechen. Das aufreizende Kläffen eines kleinen, vermeindlich freien Hündchens hatte ihm den Rest gegeben. Mit einer artistischen Aktion war er ausgebrochen und voller Adrenalin und elastischen Schrittes scannte er den Park. Da war er,  ein kleiner Fiffi an der Leine, leichte Beute für einen ausgebildeten Polizeihund. Grollend stürzte er auf den schmächtigen Rivalen zu. Doch Frauchen – Typ gut situierte, stattliche Frau – riss geistesgegenwärtig das Hündchen hoch und ließ es der Not gehorchend angeleint über dem Kopf kreisen. Ein seltener Soundeffekt erfüllte den Park – ein jaulender Kleinhund auf Rotationskurs.

Wotan setzte sich geduldig unter die Kreisbahn, wartete gelassen ab und happ. Es herrschte wieder Ruhe im Rheinpark , besser gesagt Totenstille.

Der Anschlag hatte Folgen, das Hündchen aber auch Wotan wurden nie mehr gesehen.

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Mit dem Glockenschlag


von Helmut Bunk

Als junger Lehrer mit einem äußerst geringen Monatsgehalt versuchte ich anfangs der 50er Jahre mein Einkommen als freier Mitarbeiter der Kölnischen Rundschau etwas aufzubessern. So war ich im Dezember 1951 auf der Suche nach einer ansprechenden Weihnachts-Reportage.

Mir fiel ein, dass die evangelische Kreuzkirche in Wesseling zum Weihnachtsfest 1950 vier große, neue Glocken erhalten hatte. Ein Jahr lang begleitete somit ihr Klang das Leben in unserer Gemeinde. Lohnte es sich nicht, dieses Geschehen einmal im Wort und die prachtvollen Glocken als Künder von Freude und Leid im Bilde festzuhalten?

Diesem mehr oder weniger glücklichen Einfall ließ ich sofort die Tat folgen. Also stieg ich in den Turm der Kirche über eine schmale Treppe zum Glockenstuhl hinauf. Dicht nebeneinander hingen hier die 1 1/2 Tonnen schweren metallenen Riesen. Jeden Tag ließen sie um die Mittagsstunde ihren ehernen Ruf ertönen. Ein elektrisches Läutwerk brachte Punkt 12 Uhr die schweren Glocken automatisch zum Schwingen. Die eisernen Tragegerüste waren zu diesem Zweck durch Kabel miteinander verbunden.

Als ich in den Glockenstuhl hineintrat, besser gesagt, mich hineinzwängte (denn für einen wissbegierigen Reporter war hier kaum Raum vorhanden), stolperte ich zunächst über ein solches am Boden liegendes Kabel. Angestrengt überlegte ich, wie ich wohl in diesem Wirrwarr von Holzbalken, Metall und Drähten den geeigneten Standort für eine Aufnahme gewinnen könne. Es war eine kaum zu lösende Aufgabe. Endlich brachte ich, zwischen zwei Glocken kauernd, meine Kamera in Anschlag. Ich drückte auf den Auslöser – vergeblich, mein Blitzgerät versagte. Nun, das konnte einmal passieren, und der Fehler durfte wohl nicht schwer zu beheben sein. Also überprüfte ich in Ruhe, wenn auch in wenig angenehmer Lage das Blitzgerät meiner Kamera. Der Fehler war nicht leicht zu entdecken. Als ich ihn endlich gefunden hatte, waren viele kostbare Minuten vergangen. In zwei Stunden wollte ich mit den Aufnahmen in der Redaktion sein, um die Reportage noch pünktlich abzuliefern. Ich sah auf die Uhr. In diesem Augenblick fuhr es mir in die Glieder als hätte ich einen elektrischen Schlag erhalten. Der große Zeiger meiner Uhr zeigte eine Minute nach Zwölf an. Mir stand der Schweiß auf der Stirn. Die Glocken hatten mit ihrem gewohnten Mittagsschlag ausgesetzt. Dieser Schlag aber hätte meinen Tod bedeuten können, denn vor der Gewalt der elektrisch in Schwung gesetzten Glocken gab es in der Lage, in der ich minutenlang verharrt hatte, kein Entrinnen. Ich wäre wohl unweigerlich zermalmt worden, da die beiden Metallriesen, zwischen denen ich kauerte, sich im Schwung bis auf wenige Zentimeter einander näherten.

Mein Gang war nicht so fest wie sonst, als ich die schmale Wendeltreppe des Turmes wieder hinunter stieg.

Die Bewohner unseres Ortes warteten an diesem Tag vergeblich auf den Ruf der Glocken. Durch einen Zufall war für ein paar Minuten der Strom unterborchen worden, der das Läutwerk in Gang setzte.

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