Gut gemeint – eine “Spiegelaffäre”

Ein Augenzeugenbericht über eine „Spiegelaffäre“ am Gymnasium Wesseling Anfang der Siebziger Jahre

Von Stephan Rodtmann

Eine dieser üblichen großen Pausen. Der Schulhof brodelt. Die Pausenaufsicht inne hat eine junge Referendarin. Inmitten des üblichen Chaos aus Fußball, Nachlaufen und Geschrei, zündeln zwei  Schüler an einer Schachtel Tafelkreide.

Nach einem eher gedämpften   „puff“  steigt eine – für die geringe Lautstärke der Explosion recht beeindruckende – weiße Wolke in typischer Pilzform  auf. Die Lausejungen hatten sogenannte Ladykracher geöffnet, das Schwarzpulver gesammelt, in die Kreideschachtel gefüllt und gezündet.

Dies geschieht in unmittelbarer Nähe der Pausenaufsicht, die heftig erschrickt. Sie stürzt panisch auf die beiden Jungs zu und brüllt: „Was macht ihr denn da?“

Schnoddrige Antwort, wörtlich: „Na was schon, Juden verbrennen“ – sicherlich unangemessen, dumm und auch würdig einer deftigen Strafe mit Nachsitzen und ganz persönlicher Aufarbeitung des Holocaust. Ein Besuch in einer Synagoge oder gar in einem Konzentrationslager wäre meines Erachtens nicht übertrieben gewesen. Jedoch…

Schock, Entsetzen,  die Referendarin rennt außer sich, schreiend und weinend ins Zentralgebäude zum Lehrerzimmer und hinterlässt die ratlosen Beobachter der Szene. Die Szene im Lehrerzimmer kann ich aus eigener Anschauung nicht beurteilen, ein damaliger Lehrer kann sich noch sehr gut daran erinnern und regt sich heute noch über die hysterische Reaktion der Kollegin auf.

Was folgt ist der größte Skandal in der Geschichte des Gymnasiums. Es kommt zu aufgeregter Berichterstattung in WDR und im Magazin „Der Spiegel“ und lokalen Medien.  Verleumdungen, Schuldzuweisungen, Hybris und heuchlerisches Gutmenschentum bestimmen die unfairen Attacken auf die Schulleitung, die ja nun gar nicht beteiligt war.

Am Gymnasium herrscht eine reformerische Atmosphäre und neueste pädagogische Errungenschaften werden umgesetzt.  Auch weit vorgreifende experimentelle Unterrichtsformen mit Einbindung von Behinderten in den Klassenverband werden erprobt. Demokratie und ein freiheitliches Menschenbild sind hohe Ideale. Das Interesse am politischen Diskurs ist ungleich höher als heute. Ich erinnere mich, dass wir Bundestagsdebatten live im Unterricht verfolgten – und das mit Interesse. Ob „Kollegschule“ oder „konstruktives Misstrauensvotum“, wir waren als Schüler politisch gut informiert und hoch motiviert.  Die gesamte Ausrichtung des recht jungen Lehrerkollegiums war deutlich links der Mitte, rechte Tendenzen waren gänzlich unbekannt und auch außerhalb des Denkbaren.  Ein christliches Menschenbild wurde noch gerade eben so  über die Zeit gerettet. Selbst mit viel Phantasie war nicht zu erkennen, dass hier rechtes Gedankengut auch nur eine geringe Chance hatte, geschweige denn  jegliche Anmutung von Antisemitismus.

Zum ersten Mal war ich Zeuge der Entstehung einer  sogenannten „Spiegelaffäre“. Ich erlebte live das Substrat einer beispiellosen Kampagne, die den von (fast) allen hoch  geschätzten Direktor Herrn Thiemermann fast die Existenz gekostet hätte.

In den Folgejahren kam es an unserer Schule zu einer schier zwanghaften Aufarbeitung des Nationalsozialismus und Faschismus.  Ich darf behaupten, dass das Wissen um die Entstehung und Verhinderung  von Diktatur und Totalitarismus am Käthe-Kollwitz-Gymnasium (sic!) überdurchschnittlich waren und wohl auch sind.

Mein Misstrauen gegenüber Medien und moderner „Propaganda“ wurden durch diese Feldstudie ebenfalls aus direkter Anschauung auf ungewollte Weise fundiert.

Die Steigerung von gefährlich ist gut gemeint.

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Joseph Schmitz ein Wesselinger Original

Mit dem Fahrrad durch die Kontinente

Von Helmut Bunk

Als freier Mitarbeiter der Kölnischen Rundschau nahm ich mir 1952 vor, ältere Wesselinger Bürger nach besonderen Ereignissen in ihrem Leben zu befragen und diese den Lesern der Zeitung kundzutun. Bei einem Spaziergang auf der Rheinpromenade fand ich schon bald Gelegenheit dazu.

Dort saß ein bärtiger Senior auf einer Bank und schaute den vorbeiziehenden Schiffen nach. Sein Fahrrad hatte er an eine der alten Weiden gelehnt. Fast schien es mir, als hätte der 86jährige noch immer Sehnsucht nach der Ferne, und dieser Eindruck festigte sich, als ich mit ihm ins Gespräch kam. Die Ferne hatte er kennen gelernt in einem Leben, das aus einer Kette von unvergesslichen Erlebnissen und tollkühnen Aktionen bestand.

Mit dem Rad eroberte sich der junge Joseph Schmitz die Welt. Es trug ihn nach Italien, Barcelona, ja sogar nach Istanbul. Der ehemalige Gymnasiast verspürte immer wieder den Drang nach unbekannten Ländern und Abenteuern. Er sollte Theologie studieren, aber dazu reichte es nicht. Dafür ging er bald für eine Zeit lang nach Amerika. Dort fand er die Abenteuer, die er gesucht hatte. Als er ein indianisches Mädchen aus Todesgefahr rettete, in der er es schwerverwundet aus dem „Blutegel-Fluss“ zog, erkoren ihn die Indianer zu ihrem besten Freund. Sie ehrten ihn wie einen ihrer roten Häuptlinge, erzählte Joseph Schmitz.

Inzwischen aber wartete in der Heimat die Braut auf ihren Verlobten. Eines Tages kehrte er endlich zurück, um ein bürgerliches Leben zu beginnen. Aber auch diese war immer wieder geprägt  von außergewöhnlichen Erlebnissen. Sein Beruf als Prokurist, den er erst mit 85 Jahren aufgegeben hatte, füllte ihn nie ganz aus. Eine ungebändigte Lebenskraft bestimmte sein Handeln. Wenn in Wesseling ein tatkräftiger Mann gebraucht wurde, war Joseph Schmitz der Gesuchte.

Als langjähriges aktives Mitglied der Wesseling Feuerwehr übernahm er mit der Ernennung zum Brandmeister im Jahr 1912 die Leitung der Wehr, der auch im hohen Alter sein ganzes Interesse galt. Daneben verschrieb er sich dem Männergesangverein 1844, der sein Wiederaufleben in erster Linie ihm zu verdanken hatte. Joseph Schmitz war ein begeisterter Sänger und bis zum Lebensende aktives Mitglied des Vereins. Darüber hinaus gehörte er zu den Gründern der „GroWeKa“ (Große Wesselinger Karnevalsgesellschaft).

In Wesseling kannte fast jedes Kind den rüstigen Senior, der noch täglich viele Kilometer mit dem Fahrrad zurücklegte. Wenige Wochen vor unserem Gespräch hatte ihn eine seiner ausgedehnten Touren nach Koblenz geführt. Hier hatte er einst als hervorragender Schwimmer von der Moselbrücke einen tollkühnen Sprung in die Fluten gewagt. Der 86jährige schaffte die Hinfahrt in sechs Stunden.

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Do kütt de Kappesmann

 

Quelle Wikipedia

Von Helmut Bunk

Im Oktober  1950 begegnete ich Theodor Stommel, der damals in Wesseling als „der Kappesmann“ bekannt war. Er wohnte in einem kleinen Häuschen in der Mühlengasse und war gerade 73 Jahre alt geworden. Wegen seines Alters und aus familiären Gründen musste er seine bis dahin zwar harte, aber mit Freuden ausgeübte Tätigkeit aufgeben. Doch viele Wesselinger konnten es nicht fassen, dass sie zu ersten Mal auf seine Arbeit verzichten sollten, denn mehr als fünf Jahrzehnte garantierte Theodor Stommel das fachmännische Schaben und Einstampfen des Wesselinger Weißkohls. Er rettete damit ein gutes Stück alter, dörflicher Tradition in die damalige Zeit hinüber.

Als Kind schon durfte er seinem Vater den Stampfer nachtragen, wenn dieser mit seinen Gerätschaften zum Kappesschneiden loszog. Stolz war er, als er zum ersten Mal allein an die Arbeit gehen konnte, die in vielen Haushaltungen zur Herbstzeit auf ihn wartete. Und immer, wenn er in einer Familie einzog, wurde der Kappesmann von Jung und Alt freudig begrüßt. Trotz stundenlanger, schwerer Arbeit wusste er seine Umgebung dabei  in guter Stimmung zu halten. Daher war es nicht verwunderlich, dass die Kinder jedes Jahr aufs Neue bei seinem Erscheinen in den freudigen Ruf ausbrachen: „Do kütt de Kappesmann!“ Überall war er beliebt und gern gesehen. Seine humorvollen Bemerkungen und Geschichten, die er während der Arbeit zum Besten gab, machten weithin die Runde.

Der Abschied von seiner Arbeit, die ihn viel Kraft gekostet hatte, fiel ihm schwer und stimmt ihn wehmütig. Trotzdem kam noch einmal der alte Kappesmann zum Vorschein, als er in seinen Erinnerungen kramte: Mehr als drei Schiffladungen voll Kappes habe er in den 52 Jahren seiner Tätigkeit als Kappesschneider geschabt und eingestampft, erzählte er. Stolz war er auf seine Höchstleistung von 56 Zentnern Weißkohl, die er in drei Tagen für die Reederei Braunkohle verarbeitet hatte. Aber auch Mengen von 12 bis 14 Zentnern am Tag waren keine Seltenheit. Angesichts der vollbrachten Leistungen zollte ich ihm Lob und Anerkennung, doch davon wollte er nichts wissen.

Zum Zeitpunkt unserer Begegnung war Theodor Stommel in seinem Garten bei der Kartoffelernte. Er zeigte mir seinen „Landbesitz“, wobei er mit Stolz auf seine Blumenzucht hinwies. Ich machte die Bemerkung, dass dieses Grundstück sicher auch schon zu Großvaters Zeiten in der Familie vererbt worden sei. Doch da schüttelte er den Kopf, und als ich erstaunt fragte, ob er denn nicht seit jeher in Wesseling ansässig sei, verneinte er das entschieden mit der Antwort, dass er das Haus „erst seit 1895“ bewohne und nicht Wesselinger sondern Urfelder sei.

 

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Kristallnacht in Wesseling

Bericht einer Augenzeugin  vom 9.Nov.1938,  aufgezeichnet von Stephan Rodtmann

Mein Großvater hatte neben der Synagoge am Markt einen Garten, den er mit Fleiß und Freude pflegte.Als ich ein kleines  Mädchen war ging ich gern zum Opa und leistete ihm Gesellschaft. Die schwere Gartenarbeit konnte ich Ihm nicht erleichtern aber wenn erHunger bekam, ging ich in die benachbarte jüdische Metzgerei und die  ebenfalls jüdische Bäckerei  hinter der Synagoge und kaufte ein Brötchen und ein Stück Wurst. Und auch ich bekam immer ein Stück koschere Knoblauchwurst geschenkt. Die Wurst war immer so lecker, weil sie mit dem damals hier wenig gebräuchlichen Knoblauch gewürzt war. Ich habe mich immer so auf die kleine Belohnung gefreut und werde den Geschmack wohl nie vergessen.  So wurde ich groß in einem idyllischen, ruhigen, gewachsenen Stadtviertel.  Obwohl Wesseling noch so überschaubar war, gab es doch immer eine Konkurrenz zwischen Oberwesseling (Sonnenberg und Oberwesselinger Straße,  Luziastraße und „der Hött“, (die Gegend nordlich des Rheinforums mit der Nordstraße).  Im dörflichen Leben waren die Juden wie selbstverständlich integriert, man lebte ja miteinander.

Jahre später, am 9.November 1938, ich war inzwischen 14 Jahre alt,  stiegen am späten Nachmittag Rauchwolken zum Himmel.  Neugierig lief ich heimlich von zu Hause weg, um zu sehen was los war. Nie mehr werde ich vergessen, was ich damals sah:

Die Synagoge und die beiden jüdischen Geschäfte brannten. Die Metzgersleute standen in der Eingangstür. Sie versuchten sich in Sicherheit zu bringen,  konnte sich aber nicht retten, weil sie  von der Feuerwehr daran gehindert wurden.  Die Feuerwehrmänner benutzten die Schläuche wie Wasserwerfer und drängten  die Beiden immer wieder in die lodernden Flammen.

Ein junger Offizier in brauner Uniform  – wohl Angehöriger der SA – stand neben mir und sagte: „Das haben die verdient, die Juden muss man auslöschen.“ Das Metzgerpaar konnte sich schließlich irgendwie retten, was aus Ihnen geworden ist, weiß ich nicht. Darüber wurde nicht gesprochen.

Ich war schockiert und aufs Tiefste verunsichert. Tagelang konnte ich nicht aus dem Haus gehen und erkrankte mit hohem Fieber.

Meine Eltern, die streng katholisch waren, kommentierten oder erklärten das Geschehen nicht, das Thema wurde einfach totgeschwiegen. Alle Menschen waren erstarrt aus Angst vor der GESTAPO und der SA.  Unser Geschäft an der Römerstraße, unsere Existenz, war zu exponiert und als Familie war man extrem verletzlich und erpressbar.  Die Nazis führten ein Regime des gezielten Terrors und der Verunsicherung. Ein Freund der Familie, auch Geschäftsmann, wurde eines Abends von schweigsamen Nazis abgeholt und mußte der Hinrichtung eines 17 jährigen beiwohnen, der in Berzdorf aufgeknüpft wurde. Durch Bekannte wurde ihm mitgeteilt, dass er auch auf “der schwarzen Liste” stünde. Wer konnte da an Widerstand denken?

Die Bilder von brennenden Geschäften und das jüdische Metzgers-Ehepaar in Todesangst, so  erinnere ich mich an die schreckliche Zeit des Nationalsozialismus in Wesseling. Aber auch der friedliche Garten am Markt und die geliebte Knoblauchwurst bleiben in meiner Erinnerung lebendig.

(Autorin ist dem Herausgeber bekannt)

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Der Umgang mit Afrika oder was wir von Afrika lernen können

Von Mike Herting

Schon mehrfach habe ich anklingen lassen, dass ich beim Schreiben dieser Zeilen unter anderem in Afrika unterwegs gewesen bin, genauer gesagt in Westafrika, also im Senegal, in Mali und in Mauretanien. Als Musiker, der mit Afrikanern zusammenarbeiten möchte, muss ich mir Gedanken machen, wie diese Zusammenarbeit aussehen soll, und da stosse ich ganz schnell bei mir selbst auf vorgefertigte Gefühle und Urteile, die ich aus Europa mitgebracht habe und deren ich mir genauer bewusst werden muss.

Immer noch ist es so, dass Afrikaner in der westlichen Gesellschaft nur in ganz bestimmten Grenzen als gleichwertig akzeptiert werden. Christoph Schlingensief hat dieses Verhalten auf den Punkt gebracht indem er Kennedys Ausspruch “Frag nicht , was der Staat für Dich tun kann, sondern was Du für den Staat tun kannst” abgewandelt hat in ” Frag nicht, was Afrika  von Dir lernen kann,  sondern was Du von Afrika lernen kannst”.

Für einen Europäer ist dies zunächst ein unverständlicher und provokanter Satz. Denn unbewusst haben wir alle verinnerlicht, dass es wir sind, die die höchste Stufe der Zivilisation erreicht haben, was können wir schon von Afrika lernen?

Diese Haltung ist zumeist noch nicht einmal böse oder aggressiv gemeint und wird von Menschen vertreten, die gut und gerne für Afrika spenden. Dennoch ist sie falsch und führt nicht nur zu kulturellen Missverständnissen, sondern nimmt uns selbst eine grosse Chance, unser eigenes Leben in Frage zu stellen und Dinge darin zu verbessern.

Auf den ersten, medienverbogenen Blick scheint es auch unsinnig zu sein, von einem Kontinent zu lernen, in dem es immer noch an der Regel ist, dass man Kindern Waffen in die Hand gibt und zu Grausamkeiten treibt, in dem die Geissel der Menschheit, die Korruption, in höchster Blüte steht, in dem die Menschen nur in die Politik gehen, um sich zu bereichern, in dem in weiten Teilen Armut und Hunger herrschen. Das alles ist richtig, aber abgesehen davon, dass auch unsere Zeit der Barbarei in Deutschland noch nicht all zu lange her ist, und in Südosteuropa heftige und überaus grausame  Konflikte heute noch aufbrechen, darf es uns nicht den Blick darauf verstellen, dass Weisheit und Lebenskunst nicht nur in westlichen Grossstädten zu finden sind , dass Reichtum nicht nur durch grosse Autos und teure Parfums definiert werden kann.

Zwei Blickwinkel bestimmen die Sicht des Europäers in Hinblick auf Afrika: Da ist einmal die Notwendigkeit der Entwicklungshilfe und auf der anderen Seite das Bild des fröhlichen trommelnden Afrikaners, der ja- wie die unsägliche Gloria von Tumb und Tacheles öffentlich festgestellt hat- hauptsächlich gerne “schnackselt”.

Im allgemeinen ist die Haltung der meisten Europäer bestenfalls paternalistisch, Afrikaner werden oft wie Kinder betrachtet, denen man beibringen muss, wie das Leben so funktioniert. Überprüfen Sie sich selbst: Was fühlen Sie, wenn Sie zum Beispiel zum Arzt gehen und auf einmal einen schwarzen Mann vor sich sehen?

Dieses Beispiel ist mir vor einigen Jahren selbst passiert, als ich mir in Guinea-Bissau mitten im Dschungel eine ziemlich tiefe Kopfwunde zugezogen hatte und von hilfreichen Menschen über mehrere hundert Kilometer zu einem Arzt gebracht wurde, der natürlich ein Schwarzer war. Bis heute schäme ich mich dafür, dass ich ihn gefragt habe, wann denn der Arzt käme, ich hatte ihn automatisch für eine Hilfe gehalten. Dieser Mann antwortete kühl, er habe in Portugal Medizin studiert und behandelte mich dann so gut, dass nach meiner Heimkehr mein Hausarzt des Lobes voll über seinen Kollegen war. Vorurteile gedeihen im Verborgenen und manchmal bedarf es eines Anstosses, um sie bei sich selbst sichtbar zu machen.

Aber das ist es nicht, von dem ich meine,dass man davon lernen kann, sondern es zeigt nur die tief verinnerlichte Arroganz, die wir uns zu eigen gemacht haben. Wieder ist es die materialistische Weltsicht, die uns in die Irre führt, die uns den Zugang zu Technik mit Lebensqualität verwechseln lässt.

Was also können wir lernen? Wie wäre es mit etwas ganz Einfachem: Dem aufrechten Gang? So oft ist mir das aufgefallen, Afrikaner schreiten, mit aufrechtem Oberkörper, während wir Europäer unter Druck hetzen,schleichen, mit vornübergeneigtem Kopf unserem nächsten Termin entgegeneilen. Oder mit dieser unfassbaren Gastfreundlichkeit, die ich immer und überall erlebe und deren einzige negative Seite das Gefühl ist, dass ich als westlich geprägter Mensch derart ichbezogen bin, dass es mir schwerfallen wird, Ähnliches zu erwidern, mich hintenan zu stellen mit meiner integrierten Unruhe, ich könnte etwas verpassen, wenn ich mich dermassen ausgiebig dem Gast widme wie die Afrikaner. Und dann das Wichtigste, die dritte Forderung der französischen Revolution, die Brüderlichkeit. Freiheit und Gleichheit stehen in Afrika unter Druck, aber die Brüderlichkeit, die ich in meinem Heimatland so schmerzlich vermisse, ist allgegenwärtig und sie ist es, die das Leben in Afrika nicht nur erträglich macht, sondern die mich immer wieder überwältigt mit ihrem Glücksgefühl.

Dies alles und viel mehr sind Tugenden, die der schriftkulturfixierte Europäer erstmal wieder erkennen und lernen muss, er, der nur an Verifizierbarkeit der Ergebnisse glaubt und der den allgegenwärtigen Wundern und Unglaublichkeiten, die man in Afrika täglich erlebt, skeptisch, ja hilflos gegenüber steht. Ich wünsche mir viel mehr Neugier und Respekt im Umgang mit Afrika, mehr Lernbereitschaft und Verständnis für das Andere, das weder besser noch schlechter ist, nur eben: anders. Denn wir brauchen den Austausch mit der afrikanischen Kultur, genau so wie diese den Austausch mit der unseren braucht, daran gibt es keinen Zweifel!

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Freitag der Dreizehnte – Starfighter F 104 G über Wesseling

von Stephan Rodtmann

Quelle Bundesarchiv bei Wikipedia

F 104 Starfighter

Ein trüber Freitag im Oktober 1967. Die Schüler der 3. Klasse der Schillerschule haben schon das tägliche Diktat hinter sich und sind ins Kopfrechnen vertieft (Licht aus, Augen zu, Kopf auf die Bank). Plötzlich gibt es eine ohrenbetäubende Explosion, so dass die Kippfenster auf und zu geschlagen werden. Was war das? Lehrerin und Klasse sind zu Tode erschrocken und verunsichert.  Doch schon bald wissen es alle. Ein Kampfflugzeug ist in Keldenich auf dem Eichholzer Acker abgestürzt.

Einer der berüchtigten Starfighter hatte im Anflug auf Nörvenich plötzlich an Höhe verloren. Die hochgerüstete Maschine drohte in das Tankfeld der Union Kraftstoff oder gar auf die Innenstadt zu stürzen. Eine Katastrophe mit vielen Toten wäre die Folge gewesen. Ein brennendes Tankfeld, eine explodierende Raffinerie mit damals an die 5000 Beschäftigten, eine brennende Innenstadt  – nicht auszudenken.

Der Pilot Major H.S. sah wohl das Desaster vor sich, es gelang ihm jedoch den Flieger noch ein wenig in der Luft zu halten, er rettete sich selbst erst im letzten Moment mit dem Schleudersitz. Der Kampfjet  stürzte über dem Eichholzer Acker ab und zog eine Diagonale der Verwüstung. Der Pilot landete mit dem Fallschirm im Garten und Apfelbaum der Familie B. im Amselweg.  Er wurde ins Dreifaltigkeitskrankenhaus nach Wesseling transportiert und dort verarztet.  Rasch ging es ihm wieder gut und Chefarzt B. unterhielt sich so angeregt und lange mit ihm. Einen solch illustren Patienten hat man ja nicht alle Tage.Das Geschwader Boelcke  in Nörvenich war inzwischenzeit auf höchster Alarmstufe. Wo war der Pilot?  Der leicht verletzte Held hatte in der Aufregung wohl vergessen einfach anzurufen und sich mehr oder weniger heil zurückzumelden.

Der  Wesselinger Bernd H.,  der damals als Luftwaffenoffizier in Nörvenich stationiert war berichtet: „Ich war damals 39 Jahre alt, technischer Prüfer und zuständig für die Rettungsgeräte, die an Bord mitgeführten wurden, unter anderem für Anti-G-Einrichtungen, Schleudersitze, Funkgeräte, Atemmasken aber auch für ein funktionierende Schlauchboote und Schwimmwesten.  Zu der Zuständigkeit unserer Abteilung gehörte auch die Abwicklung von Starfighter-Abstürzen.

Ich hatte dienstfrei,  arbeitete gerade im Garten meiner Schwiegereltern und hörte im Radio von dem Absturz. Ich fuhr sofort zur Unfallstelle, die in einer Senke auf dem Eichholzer Acker lag.  Feuerwehr und Polizei hatten das Gelände schon weiträumig abgesperrt, der „Kutscher“, so nannten wir die Piloten,  lebte.

Zunächst wurde die Identifizierung der einzelnen Flugzeugteile vorgenommen und ich stürzte mich in meine Aufgabe, um die Gefühle, „ es hat wieder einen von uns erwischt“ unter dem Deckel zu halten, denn ich hatte schon mehrfach erlebt, dass Piloten aus unserem Geschwader ums Leben gekommen waren. Hier hatte der „alte“ Schleudersitz C2 mal funktioniert. Zum Glück waren keine nennenswerten Mengen von Treibstoff ausgelaufen, da der Pilot ja bereits im Anflug auf den heimischen Fliegerhorst war und sich nur noch ein Rest in den Tanks befand.

Und so sah die Routine der Abteilung R+S (Rettung und Sicherheit) der Instandsetzungseinheit  normalerweise aus:  Wenn ein Absturz gemeldet wurde rückten wir aus, unser Einsatzgebiet erstreckte sich auf die Eifel, Ostbelgien, das Rheinland und die Niederlande. Die Prüfgruppe suchte immer als erstes  den Piloten (oder seine Überreste),  dann folgte die Bergung der Trümmerteile. Schleudersitz und  Fallschirm kam zurück in die Werkstatt zur Begutachtung.  Darauf wurden die in den Trümmern erkennbaren Flugsteuerungsanlagen gecheckt.

Im wesselinger Fall war die Unfallursache schnell geklärt und offensichtlich. Es war – wie so oft – zum Versagen der Nozzle (=Nachbrennerdüse) gekommen. Das Triebwerk lag nur leicht beschädigt auf dem Acker und die Nozzle stand weit offen.

(„Bei einem Hydraulikausfall der Schubregulierung öffnete die Düse voll („open nozzle failure“), was einen plötzlichen Schubverlust ergab und oft durch Flammabriss (flameout) einen Triebwerkstillstand nach sich zog.“ Quelle Wikipedia).

Durch die Stummelflügel  hatte der Starfighter schlechte Gleitflugeigenschaften und stürzte dann wie ein Stein vom Himmel. Dennoch liebten die Piloten ihre Maschine, es war das Höchste, Starfighter-Pilot zu sein. Aber er verzieh keine Fehler. Und so war damals die Unfallursache „Orientierungsverlust“ und „Psychomotorisches Versagen“  am häufigsten. Die Ausbildung erfolgte überstürzt und oft auf anderen F 104 –Typen.  Es war so als würde man von einem VW-Käfer plötzlich in eine Formel 1 Renner gesetzt. Junge Kerle, die meist nicht mit einem kleinen Ego zu kämpfen hatten, das waren die ersten Piloten.

Glücklicherweise war der Flieger, der über Keldenich abstürzte nicht bewaffnet, so dass die Schäden überschaubar blieben. Der Pilot war mit einigen Hautabschürfungen und einer Halswirbelsäulen-Verstauchung davon gekommen und schon bald wieder im Einsatz. Aber auch nach tödlichen Unfällen ging der übrige Flugbetrieb im Geschwader Boelcke unverändert weiter.“

Epilog:

Das Jagdbomber Geschwader 31 „Boelcke“ war das erste Geschwader der Luftwaffe, das am 20. Juni 1962 mit dem Starfighter einsatzbereit war. Allein bei Abstürzen mit dem Starfighter verloren 18 Soldaten ihr Leben. Bis 1991 waren mehr als 900 Starfighter bei der Bundeswehr im Einsatz, 292 gingen durch Unfälle verloren.  116 Soldaten kamen dabei ums Leben.

Aber zwei überlebende Piloten leben noch heute hier in Wesseling und berichten vielleicht auch einmal von ihren Erlebnissen.

Der nüchterne Eintrag in der Datenbank lautet:

„13.10.67 F-104G 7030 DA-231 Offene Schubdüse, Absturz Wesseling, Major Hans-Albrecht Sonntag ausgestiegen, JaboG 31 “B” “.

(Quellen: Wikipedia, cactus-starfighterstaffel.de)

Hier noch ein interessantes Zeitdokument der Feuerwehr Wesseling:

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Der Herr Minister

Foto: Torsten Gripp

Foto: Torsten Gripp Schloss Eichholz

Der Minister hier klicken für Hörbuchfassung

von Hans L.Tietmann

Es war im Jahre 1949. Die noch junge Demokratie hatte auf allen Gebieten Mühe, die Folgen des Krieges zu beherrschen, Verwaltungen und Ministerien befanden sich noch im Aufbau. Zu dem Zeitpunkt war als erster Minister im neu gegründeteten Ministerium “Ernährung, Landwirtschaft und Forsten” (kurz BELF) der bayrische CSU-Mann Wilhelm Niklas im Amt. Er war mit der Landwirtschaft eng verbunden und hielt die Ernährungssicherung und Steigerung der Nahrungsmittelproduktion für zentrale Fragen.

Um entsprechende Übersicht zu gewinnen und Verbesserungsmöglichkeiten zu erkennen, wurde bald eine Rundreise durch die deutschen Lande organisiert, angefangen in den norddeutschen Bundesländern wie Niedersachen, Schlesweig-Holstein und Nordrhein-Westfalen und dort vor allem bei den Großbauern des Münsterlandes. Und überall, wohin der Minister mit seinem Tross kam, gab es auch die entsprechenden Einladungen auf den Bauernhöfen zu großartigen Festessen mit den gebietsüblichen traditionellen Mahlzeiten – (auch wenn dieses schwere, ungewohnte Essen dem einen oder anderen im Begleitpersonal nicht unbedingt gut tat).

Im Verlauf der Rundreise war die letzt Station an einem Mittag das damalige Dorf Wesseling. Die Besichtigung – mit Mittagessen – von Gut Eichholz stand auf dem Programm.

Zum Entsetzen des Ministers und seines Trosses gab es eine mehr wässrige Graupensuppe, in der vielleicht höchstens noch ein Schinkenknochen ausgekocht war. Nachtisch war Fehlanzeige. Stattdessen gab es einen Kommentar, den der damalige Gutsherr Herr August von Joest zur Erläuterung des mehr als kargen Mahls abgab:

“Der Herr Minister muss auch einmal erleben, wie sich sein Volk ernährt.”

Dieser Ausspruch kursierte noch viele Jahre als Schlagwort im Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.

 

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