Ein Augenzeugenbericht über eine „Spiegelaffäre“ am Gymnasium Wesseling Anfang der Siebziger Jahre
Von Stephan Rodtmann
Eine dieser üblichen großen Pausen. Der Schulhof brodelt. Die Pausenaufsicht inne hat eine junge Referendarin. Inmitten des üblichen Chaos aus Fußball, Nachlaufen und Geschrei, zündeln zwei Schüler an einer Schachtel Tafelkreide.
Nach einem eher gedämpften „puff“ steigt eine – für die geringe Lautstärke der Explosion recht beeindruckende – weiße Wolke in typischer Pilzform auf. Die Lausejungen hatten sogenannte Ladykracher geöffnet, das Schwarzpulver gesammelt, in die Kreideschachtel gefüllt und gezündet.
Dies geschieht in unmittelbarer Nähe der Pausenaufsicht, die heftig erschrickt. Sie stürzt panisch auf die beiden Jungs zu und brüllt: „Was macht ihr denn da?“
Schnoddrige Antwort, wörtlich: „Na was schon, Juden verbrennen“ – sicherlich unangemessen, dumm und auch würdig einer deftigen Strafe mit Nachsitzen und ganz persönlicher Aufarbeitung des Holocaust. Ein Besuch in einer Synagoge oder gar in einem Konzentrationslager wäre meines Erachtens nicht übertrieben gewesen. Jedoch…
Schock, Entsetzen, die Referendarin rennt außer sich, schreiend und weinend ins Zentralgebäude zum Lehrerzimmer und hinterlässt die ratlosen Beobachter der Szene. Die Szene im Lehrerzimmer kann ich aus eigener Anschauung nicht beurteilen, ein damaliger Lehrer kann sich noch sehr gut daran erinnern und regt sich heute noch über die hysterische Reaktion der Kollegin auf.
Was folgt ist der größte Skandal in der Geschichte des Gymnasiums. Es kommt zu aufgeregter Berichterstattung in WDR und im Magazin „Der Spiegel“ und lokalen Medien. Verleumdungen, Schuldzuweisungen, Hybris und heuchlerisches Gutmenschentum bestimmen die unfairen Attacken auf die Schulleitung, die ja nun gar nicht beteiligt war.
Am Gymnasium herrscht eine reformerische Atmosphäre und neueste pädagogische Errungenschaften werden umgesetzt. Auch weit vorgreifende experimentelle Unterrichtsformen mit Einbindung von Behinderten in den Klassenverband werden erprobt. Demokratie und ein freiheitliches Menschenbild sind hohe Ideale. Das Interesse am politischen Diskurs ist ungleich höher als heute. Ich erinnere mich, dass wir Bundestagsdebatten live im Unterricht verfolgten – und das mit Interesse. Ob „Kollegschule“ oder „konstruktives Misstrauensvotum“, wir waren als Schüler politisch gut informiert und hoch motiviert. Die gesamte Ausrichtung des recht jungen Lehrerkollegiums war deutlich links der Mitte, rechte Tendenzen waren gänzlich unbekannt und auch außerhalb des Denkbaren. Ein christliches Menschenbild wurde noch gerade eben so über die Zeit gerettet. Selbst mit viel Phantasie war nicht zu erkennen, dass hier rechtes Gedankengut auch nur eine geringe Chance hatte, geschweige denn jegliche Anmutung von Antisemitismus.
Zum ersten Mal war ich Zeuge der Entstehung einer sogenannten „Spiegelaffäre“. Ich erlebte live das Substrat einer beispiellosen Kampagne, die den von (fast) allen hoch geschätzten Direktor Herrn Thiemermann fast die Existenz gekostet hätte.
In den Folgejahren kam es an unserer Schule zu einer schier zwanghaften Aufarbeitung des Nationalsozialismus und Faschismus. Ich darf behaupten, dass das Wissen um die Entstehung und Verhinderung von Diktatur und Totalitarismus am Käthe-Kollwitz-Gymnasium (sic!) überdurchschnittlich waren und wohl auch sind.
Mein Misstrauen gegenüber Medien und moderner „Propaganda“ wurden durch diese Feldstudie ebenfalls aus direkter Anschauung auf ungewollte Weise fundiert.
Die Steigerung von gefährlich ist gut gemeint.



